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Fahrerlos durch China?

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01/03/2019
 

Die meisten Experten sind sich sicher: Das autonome Fahren wird kommen – und den Straßenverkehr sicherer machen. Die meisten Experten sind sich aber auch einig: Eine der größten Herausforderungen für die neuen Technologien wird der Verkehr in bevölkerungsreichen Ländern wie China sein. Wang Fei, Chefredakteur des chinesisch-amerikanischen Medienhauses PingWest, schreibt in VisionZeroWorld über das autonome Fahren in China.


Warum brauchen wir autonom fahrende Autos? Weil wir Menschen nicht perfekt sind. Wir machen Fehler und urteilen in kritischen Situationen oft voreingenommen. Deshalb haben wir Technologien entwickelt, die uns helfen. Die uns beim Fahren so unterstützen, dass wir weniger kritische Situationen erleben und möglichst sicher von A nach B kommen. Die Königsdisziplin ist das autonome Fahren. Das Fahren in Autos ohne Fahrer. In Fahrzeugen, die im Prinzip nichts anderes sind als ein rollender Computer mit fast menschlichen Fähigkeiten: der visuellen Wahrnehmung, Entscheidungen treffen zu können und die Kontrolle über mechanische Funktionen zu haben.

 

Der Erfolg autonomer Autos hängt von vielen Faktoren ab: von der kontinuierlichen Senkung der heute noch horrenden Entwicklungskosten, von der steten Optimierung der Akkuratesse visueller Systeme dank immer besserer Algorithmen und nicht zuletzt von der graduellen Akzeptanz des Endprodukts durch die Konsumenten. Keine Frage: Der Weg des Erfolgs autonomer Autos ist vorgezeichnet, und die meisten Auto- und Internet-Unternehmen sehen und gehen diesen Weg. Wir können dem Mooreschen Gesetz nicht entkommen: Die heute schon rasante Entwicklung der digitalen Revolution, eben auch autonomer Autos, wird sich weiter beschleunigen, und wir werden alle davon profitieren. Der Gesetzgeber wird den entsprechenden Rahmen schaffen, dass die neue Technologie sich am Markt etablieren kann.

 

Wenn dem so ist – dann sollte es eigentlich keine Probleme geben, dass sich die neuen Technologien für fahrerloses Autofahren auch in China durchsetzen. Oder nicht?

 

Es gibt zwei große Unbekannte in dieser Vorhersage: die komplexe Verkehrsinfrastruktur in China, und das unberechenbare Fahrverhalten. In anderen Ländern mag es erlaubt sein und tatsächlich funktionieren, mit 200 km/h über die Autobahn zu fahren. In China aber gibt es außergewöhnlich viele Unfälle bereits bei relativ niedrigen Geschwindigkeiten. Dafür gibt es viele Ursachen, ein Hauptgrund aber ist: Die Verkehrsteilnehmer scheren sich recht wenig um Verkehrsregeln.

 

Automatisiertes Fahren hingegen ist eine Kombination sehr exakter, sehr komplexer Technologien und Entwicklungstreiber. Hier kommen vom Computer generierte Entscheidungen zusammen mit Netzwerk-Technologien und der traditionellen Automobilindustrie. Wenn wir künftig Algorithmen statt Bremse und Beschleunigungspedal nutzen, vertrauen wir uns komplett der Verantwortungsgewalt einer Maschine an. Das ist uns Menschen nicht unbekannt. Ein Blick in die industrielle Produktion zeigt: In vielen Bereichen unseres Lebens haben Maschinen Arbeiten und auch Entscheidungsprozesse übernommen, die einst von Menschen geleistet wurden. Und sie sind gut dabei.

Foto: Michael Specht

 

Bei autonom fahrenden Autos in China aber – und dazu in vielen anderen Verkehrssituationen auf der Welt – sehe ich ein Problem: Die Wahrnehmung des Menschen ist nur schwer zu ersetzen durch technische Systeme. Die besten Autofahrer in China haben ihre Erfahrungen mit Kollisionen, mit Blechschäden, mit Unfällen gemacht. Das hat ihren Fahrstil geformt – und ihre Fähigkeit, bestimmte Situationen im Voraus antizipieren zu können. Wem schon einmal an einer Kreuzung ein Fahrradfahrer vor den Kühler gefahren ist, der passt an dieser Stelle künftig umso genauer auf, dass sich die kritische Situation nicht wiederholt. Er ist wachsam, obwohl aktuell keine kritische Situation abzusehen ist. Ein autonom fahrendes Auto wird sich nicht auf eine etwaige kritische Situation einstellen, wenn das Verkehrsgeschehen aktuell unproblematisch ist. Der Algorithmus im System besagt: Brems' das Auto, wenn sich eine Person gefährlich nähert. Ist so eine Person aber nicht in Sicht, wird das Auto normal weiterfahren. Bis es dann eventuell zu spät ist, selbst für ein vom Computer gesteuertes Auto.

 

Ich stelle mir also vor, dass nun autonom fahrende Autos am chinesisches Verkehr teilnehmen, einem Verkehr mit sehr unterschiedlichen Verkehrsteilnehmern, mit guten Autofahrern, mit schlechten. Und ein autonom fahrendes Auto ist erst einmal wie ein Fahranfänger – es hat noch keine kognitiven Erfahrungswerte im Straßenverkehr sammeln können. Und selbst wenn der Computer bereits Erfahrungswerte sammeln konnte – der Verkehr ist so komplex in China, von so vielen unvorhersehbaren Faktoren beeinflusst, mit so vielen verschiedenen Mitspielern, dass hier die "kognitiven Fähigkeiten" selbst des besten Algorithmus' überfordert sind. Es lässt sich eben nicht alles im Voraus berechnen, was auf der Straße passiert.

 

Nehmen wir das Beispiel Wudaokou. Erfahrene Autofahrer meiden diesen Bezirk von Peking während der Rush Hour. Das Chaos ist zu groß, man kommt nicht vom Fleck. Ein autonom fahrendes Auto allerdings wird vermutlich dank seines Hightech-Navis mitten hindurch steuern wollen, wenn es geografisch gesehen die beste Route von A nach B ist. Ein Mann kreuzt die Straße: Stopp. Das Express-Fahrrad eines Kuriers drängelt sich vorbei, der Auto-Sensor sagt: Stopp. Ein Auto wechselt abrupt die Spur: Stopp… Fazit: Der Algorithmus, der es mit der Rush Hour von Wudaokou aufnehmen kann, muss erst geschrieben werden.

 

Wenn alle Autos auf der Straße autonom gesteuert würden, dann wäre es sicher einfacher. Und so wird im Labor der autonom fahrende Verkehr der Zukunft geplant. Testfahrten auf genau ausgesuchten Straßen ohne großes Krisen-Potenzial. Im Silicon Valley zum Beispiel, nicht in Wudaokou. Autonom fahrende Busse, die auf speziellen Straßenspuren eingesetzt werden… Das sind automatisierte Maschinen, die ins Internet der Dinge integriert werden, also vernetzt sind und sich so untereinander abstimmen. Was aber, wenn es um komplexeste Verkehrssituationen geht? Mit vielen anderen Maschinen auf der Straße, die eben nicht vom Computer gelenkt werden? Es fehlt eine Komponente, die dem menschlichen Gehirn entspricht. Eine Steuereinheit, die eben nicht nur Sensordaten verarbeitet, sondern vorausschauend agiert, auf Basis von früher gemachten Erfahrungswerten. Daher ist es kein Wunder, dass auch das Thema Künstliche Intelligenz so wichtig ist für die Automobilindustrie. Autonom fahrende Autos in China, und vermutlich nicht nur dort, benötigen ein Hirn. Und bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

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