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Wie funktioniert eigentlich ein Crashtest-Dummy?

Technologie

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22/01/2019
 

Assistenz- und Sicherheitssysteme helfen Unfälle zu vermeiden. Auf VisionZeroWorld erklären wir, wie ABS, ESP & Co eigentlich funktionieren. Heute: der Crashtest-Dummy.


Im Auto sitzen und gegen die Wand fahren – das ist der neue Job von Thor. Thor ist 1,78 Meter groß, bringt 80 Kilogramm auf die Waage und entspricht damit den Maßen eines durchschnittlichen Mannes. Er redet nie. Er kennt keine Furcht. Er hat den wohl härtesten Job in der Automobilindustrie – und einen der wichtigsten. Denn Thor ist ein Crashtest-Dummy. Sein Ziel: Mitzuhelfen, eine Zukunft ohne Unfallopfer zu schaffen. Seine Besonderheit: Er ist das erste Mitglied seiner großen Dummy-Familie, das sich auf autonom fahrende Autos spezialisiert hat.

 

Gebaut wurde Thor (Test device for Human Occupant Restraint) von der Firma Humanetics aus der Nähe von Detroit, USA. Er ist der Nachfolger des Modells Hybrid III, das 1997 zum offiziellen Crashtest-Dummy-Standard erklärt wurde. Seit 65 Jahren baut das Unternehmen die schaufensterpuppenähnlichen Testfahrer, bis heute stammen drei Viertel aller in der Automobilindustrie eingesetzten Dummys aus dem Hause Humanetics. Nachdem über Jahrzehnte mit Crashtest-Dummys im Standartformat getestet wurde, ist bei Humatetics heute eine Großfamilie anzutreffen: Babys, Kleinkinder, Mädchen, Jungen, Teenager, Männer, Frauen, Übergewichtige, Senioren. Der neue Mitarbeiter Thor AV (Alpha Version), so sein vollständiger Name, hat gegenüber seinen Vorgängern mit steifem Becken einen Vorteil: Er kann liegen. Denn wenn Autos autonom fahren, wird sich vermutlich auch die Sitzposition der Insassen ändern. Doch ob im autonom fahrenden Auto von morgen oder im Kleinwagen von heute – die Mission der Dummys bleibt stets die Gleiche: Vision Zero. Sie sind die seelenlosen Superhelden der Automobilindustrie. Wie funktioniert eigentlich ein Crashtest-Dummy?

Es bleibt in der Familie… Crashtest-Dummys der Standard-Kategorie Hybrid III gibt es in jeder Ausprägung.

 

War der Vergleich zu Schaufensterpuppen vor fünfzig Jahren vielleicht noch naheliegend, ist ein heutiger Crashtest-Dummy ein technologisches Hochleistungs-Produkt. Das Hightech-Gebilde ist eine möglichst genaue Nachbildung des menschlichen Körpers. Um möglichst viele Daten über die Unfallauswirkungen zu erhalten, werden die Dummys an den wichtigsten Körperregionen mit insgesamt rund 200 Sensoren ausgestattet, die alle Kräfte messen, die während eines Aufpralls auf den Körper wirken. Die Crashtests laufen immer gleich ab, um möglichst genaue und vergleichbare Ergebnisse zu liefern.

 

Zunächst werden die Dummys kalibriert, um festzustellen, ob die Sensoren korrekte Werte liefern. Dazu wird der Kopf entfernt und aus einer Höhe von 40 Zentimetern fallen gelassen, um die Instrumente im Inneren des Schädels abzustimmen. Daraufhin wird die Flexibilität des Genicks überprüft. Der Kopf wird an der Schulterpartie montiert, das Objekt wird beschleunigt und ruckartig abgebremst. Läuft auch dieser Test erfolgreich, werden Schulterpartie und Kopf auf dem Torso befestigt. Der Dummy bekommt gelbe Kleidung und wird mit flüssiger Farbe geschminkt – natürlich nicht, um hübsch auszusehen, sondern um mit der Farbe die Aufschlagstellen im Testfahrzeug zu markieren. Nun ist der Dummy bereit. Bereit, um gegen die Wand zu fahren.

Typische Arbeitsplatzsituation eines Crashtest-Dummys. Foto: Global NCAP

 

Er nimmt Platz, das Auto beschleunigt auf exakt 64 km/h und fährt frontal gegen eine Wand oder ein Hindernis. Dabei wirkt auf die Puppen die vierzigfache Erdbeschleunigung. Die Sensoren nehmen während der Fahrt und des Aufpralls alle für den Versuch erheblichen Daten auf und speichern diese ab. Bei neueren, digitalen Dummys werden die Daten in einer sogenannten In-Dummy-Messanlage gespeichert. Ältere Dummys werden an Kabel angeschlossen und liefern die Daten an eine Messanlage innerhalb des Autos. Gefilmt wird die Simulation von Hochgeschwindigkeitskameras, die hochauflösende Zeitlupen liefern. Jede Sekunde kann bis auf mehrere Minuten Wiedergabezeit ausgedehnt werden. Um verlässliche Daten zu liefern, wird der Test mehrmals wiederholt. Nach Interpretation der Sensor-Daten, der Kamera-Bilder, der Aufschlagstellen und des Zustands des Testfahrzeugs steht fest: Das Auto ist sicher – oder eben nicht.

 

Crashtest-Dummys werden übrigens nicht nur in nahezu jeder Größe und Form gefertigt, sondern auch für verschiedenste Unfallsituationen. Ob ein Seitenaufprall, ein Heckaufprall oder ein Frontalaufprall – Dummy-Spezialisten gibt es für jeden Unfalltyp. Durchgeführt werden diese Tests weltweit auch von den Global NCAP-Gesellschaften (New Car Assessment Programme). Null bis fünf Sterne werden anhand der Testergebnisse vergeben und veröffentlicht. Verpflichtend sind diese Crashtests für Autohersteller zwar nicht, doch hat ein Neuwagen mit einer geringen Bewertung auf dem heutigen Markt kaum eine Chance. „So entsteht ein Wettbewerb um mehr Sicherheit, der allen nutzt“, sagte David Ward, Generalsekretär von Global NCAP, kürzlich im Interview mit VisionZeroWorld. „Die NCAP-Organisationen funktionieren als Katalysatoren und Beschleuniger des Wandels zu mehr Sicherheit, indem sie die Crashtests so transparent wie möglich machen.“ Als Beschleuniger des Wandels zu mehr Sicherheit soll dann auch Thor in den kommenden Jahren wirken – als weiterer Baustein auf dem Weg zur Vision Zero.

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