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„Du merkst, dass du gerade den Verstand verlierst“

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08/04/2019
 

Dieser Wüstenlauf ist so hart, dass viele Läufer unter Halluzinationen leiden. Doch wer sich von eingebildeten Giraffen oder lachenden Bergen nicht irritieren lässt, kann beim „Ultra Trail of Gobi“ über sich hinauswachsen. Vorbild der Teilnehmer: ein Mönch, der die windigste Wüste der Welt vor 1400 Jahren durchquerte.


Sein Rucksack wog schwer, als er gen Westen zog. Als Xuanzang sich auf den Weg machte, gab es noch kein besonders leichtes und komfortables Outdoor-Equipment. Der chinesische Mönch trug eine gewichtige Konstruktion aus Bambusstöcken auf dem Rücken, das übliche Reisegepäck für Wanderer vor rund 1400 Jahren. Weit schwerer aber war die Mission, die vor ihm lag. Denn Mönch Xuanzang war auf dem Weg nach Indien, auf der Suche nach der Quelle der buddhistischen Lehre. Im Jahre 629 war das ein gewagtes Vorhaben. Zumal der chinesische Kaiser Tang Taizong das Ausreisen ohne Genehmigung untersagt hatte. Doch Xuanzang zog auch ohne Visum los, von der chinesischen Provinz Gansu über die Seidenstraße, durchs heutige Nepal bis nach Indien und zurück. Seine Rückkehr mit etlichen buddhistischen Texten und Reliquien im Gepäck war triumphal – sicher war sie aber nie. Er wurde von Grenzposten festgehalten, mehrfach von Dieben überfallen und fast von einer Lawine verschüttet. Auch eine seiner gefährlichsten Bewährungsproben überstand er: die Wüste Gobi. Denn dort lauerte das Ungewisse.

 

Letztlich bis heute: Selbst Google Maps findet keine verfügbare Wander-Route für den Weg, den Backpacker-Mönch Xuanzang einst eingeschlagen hatte. Siebzehn Jahre war er insgesamt unterwegs. Seine "Aufzeichnungen über die westlichen Gebiete aus der Großen Tang-Dynastie" sind für Forscher heute von unschätzbarem Wert, halfen sogar Archäologen dabei, historische Stätten aufzufinden. Grund genug, dem Pilger-Pionier ein Denkmal zu setzen. Und wie sonst, wenn nicht durch einen Ultralauf? Natürlich in der Wüste Gobi, von der Xuanzang seinerzeit in seinen Aufzeichnungen sagte: „Wenn es heiß ist, brennt die Hitze wie ein Feuer, wenn es kalt ist, schneidet der Wind ins Fleisch wie ein Messer.“ Seit 2015 können sich Ultraläufer nun selbst von der Einschätzung des Mönchs überzeugen – beim „Ultra Trail of Gobi“ in China. Oder, wie der chinesische Titel des Laufs ausdrückt, ins Deutsche übertragen: „Xuanzangs Route – 800 Meilen durch stürmischen Sand.“ Wobei hier chinesische „Li“-Meilen gemeint sind, also rund 400 Kilometer (1 Li = 500 Meter).


 

Limitiert ist der Lauf auf fünfzig Teilnehmer. Doch auch diese Zahl wird nicht immer erreicht. Denn der „Ultra Trail of Gobi“ legt selbst für erfahrenste Ultra-Läufer die Messlatte hoch. 400 Kilometer müssen sich die Teilnehmer durch die Wüste kämpfen. Dabei bekommen sie es mit Temperaturen zwischen minus zwanzig Grad Celsius in der Nacht und plus dreißig Grad am Tag zu tun. Dazu warten wilde Winde und sogar heftige Schneestürme – nicht ohne Grund gilt die Gobi als die windigste Wüste der Welt. Klingt hart. Geht aber noch härter. Denn die Teilnehmer müssen fast alles selbst in die Hand nehmen: die Verpflegung, auch die Navigation durch die lebensfeindliche Landschaft. Lediglich die Koordinaten der Checkpoints werden vom Veranstalter mitgeteilt. Es gibt keine Streckenmarkierungen, keine Wege oder Trampelpfade. Wegweiser? Fehlanzeige, hatte auch der Mönch damals nicht. „Die Navigation ist einfach“, heißt es dazu vom Veranstalter. „Oft führen die Wege durch die Wüste geradeaus. Wichtig ist aber, dass die Teilnehmer wissen, wie das GPS-Gerät bedient wird. In der Vergangenheit sind viele Läufer mit der Erwartung angereist, sie könnten einfach den Wegen folgen. Natürlich haben sie sich verlaufen.“

 

Und als sei dies nicht genug, ist der Lauf zudem als Non-Stop-Wettbewerb ausgeschrieben. Das bedeutet, das Zeitlimit beträgt 150 Stunden. Alle 40 Kilometer trifft man auf einen Checkpoint. Hier kann man die selbst organisierte Verpflegung lagern, um beim Laufen Gewicht zu sparen. Ein Zelt mit Betten steht ebenso bereit – jedoch darf dort jeder Läufer nur für maximal eine Stunde schlafen. Dann geht es weiter. Immerhin: Alle fünfzehnzehn Kilometer treffen die Teilnehmer – sofern sie richtig navigieren – auf eine Wasserstelle. Diesen Luxus hatte Mönch Xuanzang seinerzeit sicherlich nicht.

Wasser in der Wüste: Hier hätte Xuanzang sicherlich Halt gemacht. Für den Läufer auf dem Bild gibt es allerdings alle 15 Kilometer eine Wasserstation. Foto: Ultra Gobi

 

Um Mitternacht geht es los, die Teilnehmer versammeln sich vor den Ruinen der vor über 2000 Jahren gegründeten Stadt Suoyang City an der ehemaligen Seidenstraße. Es ist dunkel, vielleicht liegt die Temperatur schon im zweistelligen Minusbereich – aber das ist nur Nebensache. Hier geht es ums Laufen, egal unter welchen Umständen. Vorbei an ausgetrockneten Flussbetten, an Schluchten und Bergen. 400 Kilometer lang sind die Teilnehmer meist auf sich gestellt, überwiegend ganz allein in vermeintlich endloser Weite. Dieses Gefühl kennt auch Dan Lawson. Er gewann den „Gobi Ultra“ 2017 in Rekordzeit. Weniger als 71 Stunden benötigte der Brite für die Wüsten-Mission. Dabei unterbot er den bestehenden Rekord um 21 Stunden. „Diese Strecke muss ein Genie kreiert haben“, sagte Lawson nach seinem Sieg im Interview mit der „South China Morning Post“. „Wenn du eine Herausforderung gemeistert hast, wartet schon die nächste.“ Lawson liebt solche Mutproben. Das Schwierigste sei für ihn gewesen, „seinen Verstand zum Navigieren zu benutzen, während man ihn eigentlich gerade verliert“. Denn der Lauf fordert natürlich nicht nur enorm viel körperliche Kraft, sondern vor allem auch Stehvermögen der Psyche. 400 Kilometer laufen und dabei alle 40 Kilometer für nur maximal eine Stunde schlafen – das hat mentale Auswirkungen. Und Dan Lawson schlief weniger als eine Stunde – insgesamt. „Ich halluzinierte“, erzählte er. „Die Steinformationen wurden zu lachenden Fratzen, die mir hinterher starrten, jeder Busch wurde zum Elefanten oder zur Giraffe und der Kies unter meinen Füßen verwandelte sich in Wasser.“ Doch Lawson ließ sich nicht beirren. Er wusste, dass sich das alles nur in seinem Kopf abspielt. „Natürlich ist es beängstigend, du merkst, dass du gerade den Verstand verlierst“, sagte er. „Aber es ist auch interessant, wie Fernsehen gucken.“ Also lief Lawson einfach weiter, als Protagonist in seinem ganz persönlichen Film. So wie einst Xuanzang. Nur mit dem Unterschied: auf den buddhistischen Mönch wartete seinerzeit kein Siegerpodest. Er nahm vermutlich nur sein Bambus-Gepäck vom Rücken und meditierte.