Produkte für PKW / Van / 4x4

New content item

„Extrem aktiver Alltag“

Interviews

Print
 
19/03/2020
 

Sie ist erfolgreiche Ultraläuferin – und Juristin ist einer Anwaltskanzlei. Im Interview mit GripWorld erzählt Juliane Ilgert, wie sie ihre Arbeit als Anwältin und ihre Leidenschaft für Bergläufe vereint, warum der schönste Urlaub für sie ein harter Wettkampf ist – und wie emotionale Krisen beim Laufen sie zu einer besseren Juristin machen.


Frau Ilgert, Sie haben parallel zum Jura-Studium mit dem Laufen begonnen. So manch gestresster Student kurz vorm Staatsexamen wird sich fragen: Woher hatte sie die Zeit?

Die musste ich mir nehmen. Tatsächlich habe ich mir mit Beginn meines ersten Semesters in Marburg mein erstes Paar Laufschuhe gekauft. Ich wusste, was mir im Studium blüht: ein Schreibtisch-Marathon nach dem anderen. Das wollte ich ausgleichen. Ich bin ja im Sauerland aufgewachsen und war immer viel draußen. Acht Stunden stillsitzen, das ist gar nicht mein Ding. Also bin ich in Marburg erst einmal zum Walken in die Wälder gegangen. Und ganz ehrlich, Laufen fand ich am Anfang mega-langweilig. Trotzdem meldete sich in mir ein seltsamer Ehrgeiz, es doch einmal bei einem Wettkampf über fünf Kilometer zu versuchen. Am Tag vorher wollte ich es mir selbst beweisen und bin aufs Laufband gestiegen. Ich hab’s aber nicht gepackt. Es war langweilig, anstrengend, eine echte Qual. Den Lauf am nächsten Tag habe ich dann aber irgendwie geschafft, was wahrscheinlich daran lag, dass ich mit Freunden und Kollegen zusammen unterwegs war.

 

Sie sind dabeigeblieben. Weil Sie beim Laufen juristische Probleme lösen können?

Tatsächlich denke ich beim Laufen oft über rechtliche Problemstellungen oder juristische Fallstricke nach. Vor allem bei langen Läufen komme ich in einen Zustand, in dem ich kreativ, lösungsorientiert und einfach frei im Denken bin. Gerade bei Ultramarathons ist man teilweise stundelang komplett alleine mit sich und der Natur. Da habe ich oft über das Studium oder über Zukunftspläne nachgedacht. Das Laufen ist tatsächlich eine Art kreativer Beschleuniger. Das Studium ist nun abgeschlossen und ich arbeite als Juristin. Der Weg dahin war hart. Nach meinem Fünf-Kilometer-Lauf hätte ich das nie für möglich gehalten. Aber irgendwie bin ich drangeblieben und mit der Zeit habe ich gemerkt, dass das meine Leidenschaft ist. Und dann bin ich schon ein Jahr später meinen ersten 100-Kilometer-Lauf gelaufen.

 

Wie kam es dazu?

Das lag am Input von außen. Ich habe in einem Studentenhaus gewohnt und einen Kommilitonen kennen gelernt, mit dem ich dann zusammen Laufen ging. Der trainierte bereits für den 100 Kilometer langen Zugspitz-Ultratrail. Beim gemeinsamen Laufen habe ich gemerkt, dass ich eigentlich genauso fit bin wie er. Dann habe ich mir noch Bilder von dem Lauf angeguckt und war beeindruckt. Und kurze Zeit später auch angemeldet!

 

Was haben Sie dann beim Zieleinlauf empfunden? Das war sicher ein emotionaler Moment.

Hatte ich vorher auch gedacht, war aber nicht so. Nach erst einem Jahr Lauferfahrung damals war der Wettkampf so unglaublich anstrengend, dass ich am Ende überhaupt keine Kraft für Emotionen mehr hatte. Ich war so erschöpft, bin durch das Ziel gegangen, hab mir meine Medaille abgeholt, bin sofort in mein Hotelzimmer gegangen und noch unter der Dusche eingeschlafen. Ich bin froh, dass das heute anders ist. Jetzt bin ich fitter und habe auch Kraft für Emotionen.

 

In einem Blog-Eintrag beschreiben Sie, wie sie sich während einer Bergetappe selbst fragen: Wofür mache ich das eigentlich? Wie lautet die Antwort? Für eine schöne Gipfel-Aussicht könnte man ja auch die Gondel nehmen…

Es gibt viele Motivationsebenen. Manchmal will ich einfach nur gewinnen. Manchmal ist mir aber auch das Genusserlebnis wichtig. Das persönliche Erfolgserlebnis gehört ohnehin immer dazu. Dass meine Muskeln mich diese Berge hochtragen, das fühlt sich einfach gut an. Ich verdiene mir dann diese Aussicht vom Gipfel. Das sind schöne Gefühle. Wenn ich denke, ich muss jetzt nicht im Büro sitzen, sondern darf mich hier aufhalten, die Natur spüren und mich so lebendig fühlen – da bin ich dann voll bei mir, wie man so sagt.

 

Beim Etappen-Rennen Transalpine Run quer über die Alpen ist Ihnen mal der Stock gebrochen, sie wurden deswegen von Tränen übermannt. Wie meistern Sie emotionale Tiefpunkte während eines wichtigen Rennens?

So eine Szene hatte ich vor kurzem wieder. Da war allerdings Hunger der Auslöser für einen kleinen Heulkrampf. Der gebrochene Stock aber ist das perfekte Symbol für solch‘ kleine Krisen – und wie ich sie überwinden kann. Wenn man in seiner „Transalpine“-Blase ist, kann der Umgang mit einem emotionalen Tiefpunkt entscheidend sein für den sportlichen Erfolg. Der Stock heißt für mich im schwierigen Gelände: Ich bin deine Stütze, Deine Versicherung, ins Ziel zu kommen. Wenn der bricht, dann ist das erst einmal der Weltuntergang. Ich befinde mich in einer Situation der Erschöpfung, in einer emotionalen roten Zone gewissermaßen. Wenn man das aber überwindet, ohne den Stock weiterläuft und ins Ziel gelangt, dann geht man gestärkt aus der Situation hervor. Wenn die Erschöpfung noch so groß ist und ich trotzdem nicht abbreche, sind das die schönsten und wichtigsten Erfahrungen. Die helfen mir heute im Job, sie haben mir im Studium geholfen, wenn ich durch eine Klausur gerasselt bin. Ich weiß, dass ich Krisen meistern kann.

 

Gab es denn auch Krisen während eines Laufes, die Sie nicht meisten konnten?

Einen Tiefpunkt, der mir die Lust am Sport genommen hätte, den hatte ich noch nie. Aber vor kurzem gab es eine Situation, beim 112 Kilometer langen Ultratrail du Müllerthal. Bis Kilometer 80 habe ich das Rennen dominiert. Ich hatte einen Vorsprung von eineinhalb Stunden und wusste, das Ding hast du gewonnen. Und was passierte? Ich bin an einer Stelle falsch abgebogen und ewig in die falsche Richtung gelaufen, ohne es zu merken. Da war dann alle Motivation weg. Denn ich wollte wirklich gewinnen. Oft laufe ich ja nur aus Genuss, aber dann und wann will man ganz vorne dabei sein. Hier musste ich dann abbrechen, die Luft war raus. Das war ein herber Rückschlag, weil ich bis dahin noch nie ein Rennen abgebrochen habe. Letztlich aber ziehe ich das Positive daraus. Jetzt bin ich besonders motiviert, demnächst mal einen 100-Kilometer-Lauf zu gewinnen.

Juliane Ilger, 28, ist eine erfolgreiche deutsche Ultraläuferin. Die gewbürtige Sauerländerin arbeitet hauptberuflich als Juristin in einer Münchener Anwaltskanzlei für Arbeitsrecht.

 

Jetzt müssen wir fragen: Woher nehmen Sie die Zeit? Sie arbeiten doch als Juristin in einer Anwaltskanzlei.

Das werde ich in der Kanzlei auch immer gefragt – und ich verstehe die Frage. Letztlich ist das aber überhaupt kein Problem, sondern eine Frage von Zeitmanagement und Prioritätensetzung. Ich gestalte meinen Alltag sehr aktiv. Ich wohne in München und bin noch nie U-Bahn gefahren. Ich fahre mit dem Fahrrad oder jogge an mein Ziel. Wenn ich mit Freunden verbredet bin, kann ich bei denen kurz duschen. Auch auf der Arbeit haben wir eine Dusche. Und die Wettkämpfe sind natürlich an den Wochenenden. Da trifft man dann auch noch Freunde, geht abends zusammen essen und läuft am nächsten Tag ein Rennen – wunderbar. Ich trainiere ja nicht nach einem Trainingsplan, sondern sorge einfach für einen extrem aktiven Alltag. Das reicht tatsächlich, um bei einem Ultramarathon auch mal auf dem Podest zu landen.

 

Ein Etappenrennen wie der Transalpine Run, einer der anspruchsvollsten Bergläufe der Welt, dauert ja länger als ein Wochenende. Da werden in acht Tagen die Alpen überquert…

Dafür nehme ich mir Urlaub. Und genauso muss Urlaub sein. Mein Chef meinte auch mal, Laufen, das sei doch kein Urlaub. Da widerspreche ich zu hundert Prozent. Ich mache den Sport jetzt ja seit acht Jahren. Und die Muskeln merken sich solche Anstrengungen. Als ich das erste Mal bei einem mehrtägigen Etappenlauf dabei war, hatte ich unglaubliche Muskelschmerzen, war supermüde und musste sehr, sehr viel essen. Inzwischen bin ich nach solchen Events nicht mehr erledigt, sondern aufgeladen. Die Batterie ist dann hinterher voll, weil mir das Spaß macht. Acht Tage jeden Tag einen Marathon laufen – und ich komme voller neuer Energie und Tatendrang nach Hause. Wie nach dem perfekten Urlaub eben.