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Auf dem Sprung

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17/01/2019
 

Autos, Mauern, Häuser – für Freerunner gibt es keine Hindernisse. Sie laufen, klettern, springen über alles, was ihnen im Weg steht. Einer der weltweit besten Vertreter des Extremsports ist der Deutsche Jason Paul, der seine Leidenschaft ausgerechnet bei einem Videospiel entdeckte.


Jason Paul läuft auf den Abgrund zu, erreicht den Rand des Hausdachs – und springt. Ein Moment, der einem als Zuschauer wie in Zeitlupe erscheint. Unter ihm geht es fünf Etagen in die Tiefe, vor ihm ist eine nackte Hauswand. Jason streckt die Arme aus und greift nach der Dachkante des gegenüberliegenden Gebäudes. Er zieht sich hoch und streckt den Daumen in die Höhe – geschafft. Was sich anhört wie ein waghalsiger Stunt, ist für Jason Paul Alltag. Er ist leidenschaftlicher Freerunner – und einer der besten seiner Art. Wo andere Umwege gehen, Treppen benutzen oder gar umdrehen, gibt es für Paul stets nur ein Ziel: den scheinbar unmöglichen Weg zu gehen. Der Weg ist das Ziel? Die Weisheit des asiatischen Philosophen Konfuzius als Lebensziel? Das passt für den deutschen Ausnahmesportler besonders: Tokio, die Hauptstadt Japans und Schauplatz des Sprungs über die Straßenschlucht, ist zu seiner Wahlheimat geworden. "Tokios Architektur ist unfassbar vielfältig – von bizarr bis minimalistisch, von traditionell bis modern. Diese Abwechslung gibt mir immer wieder Reize für neue Moves und Tricks", verriet Jason Paul kürzlich in einem exklusiven Bericht des Magazins "The Red Bulletin".

Foto: Jaanus Ree / Red Bull Content Pool

 

Aufgewachsen ist der heute 28-Jährige in einer anderen Stadt, die wie Tokio berühmt ist für ihre Hochhäuser und innerstädtischen Straßenschluchten: Frankfurt. Als Spielplatz für verwegene Freerunning-Experimente aber nutzte er die als Jugendlicher noch nicht. „Bis zu meinem 14. Lebensjahr habe ich alle möglichen Sportarten ausprobiert, vom Fechten über Fußball bis hin zu Capoeira. Keine davon hat mich dauerhaft begeistern können, oft war für mich schon nach einer Woche wieder Schluss“, sagt Paul über seine Jugend. Vom Sport wenig begeistert, fand er seine Erfüllung stattdessen zunächst bei Computerspielen, mit denen er als Teenager oft den größten Teil des Tages verbrachte. Bis er ein Video des Freerunning-Pioniers Sebastien Foucan sah. „Da sprang ein Mann auf seltsame Art und Weise durch Paris, und ich dachte sofort: Das muss ich auch probieren“, erinnert sich Jason Paul.

 

Zusammen mit einem Freund kletterte, sprang und hangelte sich Paul nach und nach durch Frankfurt. Erst ging es über Tischtennisplatten und Bordsteinkanten, dann hinab von Mauern und Vordächern. Und nicht immer lief alles glatt. „Wenn du Freerunning erlernen willst, gibt es eine lange Phase, in der man überhaupt nicht cool ist“, sagt Paul. Am Anfang sehe alles ziemlich ungeschickt oder ungewollt aus, bis man den Bogen dann heraus habe. Den Salto – die nächste große Hürde – hat sich Paul zum Beispiel von seiner Turnlehrerin beibringen lassen. Tagsüber übte er ihn in der Schulturnhalle, nachts auf den Hochsprungmatten der Sportplätze in Frankfurt. Schon bald begann Paul seine Tricks auf Video aufzunehmen, um der anfänglich noch kleinen Freerunner-Szene zu zeigen, was er kann. Seine Videos verbreiteten sich dann immer schneller, so dass er bald eine Einladung zur Freerunning-WM in London bekam, bei der er den dritten Platz erreichte. Das war der endgültige Durchbruch, der ihm auch international einen Namen verschaffte. Seitdem hat sich einiges getan. Die Sportplätze hat Paul gegen die großen Schauplätze auf der ganzen Welt eingetauscht, weniger um an Wettkämpfen teilzunehmen, sondern um spektakuläre Videos vor atemberaubender Kulisse zu drehen. „Mittlerweile machen mir Foto- und Filmproduktionen am meisten Spaß. Wenn ich mit meinen Filmen junge Menschen für Sport begeistern kann, gibt mir das viel mehr, als einen Contest zu gewinnen“, erklärt Paul.

Foto: Jaanus Ree / Red Bull Content Pool

 

Hervorgegangen ist das Freerunning Anfang des neuen Jahrtausends aus dem Parkourlauf, der bereits in den Achtzigerjahren in Frankreich erfunden wurde. Beim Parkour geht es darum, Hindernisse im urbanen Raum so schnell wie möglich zu überwinden und dabei möglichst wenig Energie aufzuwenden. Beim Freerunning hingegen kommt es bei der Überwindung von Hindernissen mehr auf die vollführten Sprünge und Tricks an. Erfunden wurde die Sportart vom Franzosen Sebastien Foucan, der bereits bei der Entstehung von Parkour mitwirkte. Bekannt wurde Foucan unter anderem durch den James-Bond-Film „Casino Royal", in dem er sich eine Freerunning-Verfolgungsjagd mit Bond, gespielt von Daniel Craig, liefert.

 

Heute ist auch Freerunner Jason Paul ein erfolgreicher Filmproduzent. Eines seiner erfolgreichsten Videos, „Last Call for Mr. Paul“, wurde bereits mehr als 80 Millionen Mal abgerufen. In dem Clip versucht Paul mit waghalsigen Stunts, seinen Flieger am Münchener Flughafen zu erreichen. Dabei springt und hangelt er sich über alles, was sich ihm auf dem Weg von der Gepäckkontrolle zum Gate entgegenstellt. Im Video „Jason Paul Goes Back in Time“ wird er von einer Horde wilder Ninjas durch eine alte Tempelanlage gejagt – auch dieses Video beeindruckte Millionen Zuschauer. Wenn Paul nicht gerade ein Video dreht, entwirft er Kleidung, die speziell für Freerunner gedacht ist, oder trainiert neue Tricks.

Foto: Jaanus Ree / Red Bull Content Pool

 

„Früher habe ich sechs bis acht Stunden pro Tag trainiert. Meist vor und nach der Schule, viel Krafttraining in der Halle und natürlich möglichst viel auf der Straße“, sagt Paul. Doch durch die vielen Videodrehs ist die Zeit inzwischen knapp. „Heute trainiere ich mangels Zeit sehr gezielt.“ Ohne ausreichendes Training kann ein Trick jedoch sehr schnell gefährlich werden, besonders, wenn er in größerer Höhe stattfindet. „Wenn mein Kopf weiß, dass ich einen Sprung am Boden bereits gut draufhabe, kann ich damit auch in die Höhe gehen“ sagt Paul. Besonders wichtig sei es aber, immer auch einen Plan B oder C bereitzuhalten, falls bei einem Sprung doch mal etwas schiefgeht. „Ich muss meinen Körper auch dann noch kontrollieren können, wenn etwas schief läuft. Wo kann ich mich festhalten, wenn ich zu kurz komme? Was, wenn ich irgendwo abrutsche? Ich muss den worst case planen, um nicht rückwärts zu fallen. Wenn’s richtig brenzlig wird, muss ich mich schnell drehen können, um wenigstens die Landung einzusehen.“


In Frankfurt wohnt Paul inzwischen schon lange nicht mehr. Tokio ist zu seiner zweiten Heimat geworden. Eigentlich aber, sagt er, sei er im Prinzip „obdachlos“und lebe aus seinen Koffern. „Irgendwann war ich viel unterwegs, eine eigene Wohnung lohnte sich dann nicht mehr“, sagt er. Und der nächste Trip ist auch schon geplant. Seine nächste Reise soll ihn nach Südamerika, nach Peru führen. In Machu Picchu, der alten Inka-Stadt in rund 2500 Metern Höhe im Andengebirge, würde er gerne einmal zwischen den Gemäuern herumturnen. Der Plan nimmt bereits Formen an. Paul ist auf dem Sprung.