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„Jederzeit in der Lage, auch die außergewöhnlichsten Herausforderungen im Reifenbereich zu bestehen“

28/08/2020

  • Wie „einer der stärksten Reifen aller Zeiten“ entwickelt wurde 
  • Warum sich Reifen für E-Motoren von denen für Verbrennungsmotoren unterscheiden
  • Interview mit Anuj Jain, Reifenentwickler bei Continental und verantwortlich für den Continental CrossContact Extreme E-Reifen

​Continental ist Gründungspartner und ab 2021 Premiumsponsor der Extreme-E-Rennserie. Das Technologieunternehmen wird alle Fahrzeuge der Rennen mit Reifen für die unterschiedlichen und sehr anspruchsvollen Einsätze ausstatten.

Im Interview spricht Anuj Jain, Reifenentwickler bei Continental, über die besonderen Herausforderungen durch Fahrzeug und Austragungsorte, den anspruchsvollen Entwicklungsprozess unter ungewöhnlichem Zeitdruck und die technischen Details des außergewöhnlichen Rennreifens.

Anuj Jain, Reifenentwickler bei Continental und verantwortlich für den Continental CrossContact Extreme E-Reifen

Continental: Anuj, Continental ist Gründungspartner und exklusiver Reifenausrüster der neue Extreme E-Rennserie. Sie sind für die Reifenentwicklung verantwortlich. Bevor wir zu den Details kommen: Könnten Sie uns bitte verraten, wie und warum Sie Reifenentwickler bei Continental wurden?

Anuj Jain: Sehr gerne. Die Reifenentwicklung ist eine faszinierende Welt, die ganz wesentlichen Anteil an der Leistungsfähigkeit moderner Automobilität hat. Wer in diesem Umfeld arbeitet, betrachtet einen Reifen mit anderen Augen. Für die meisten Menschen ist es einfach ein rundes und schwarzes Stück Gummi, das rollt. Aber wir sehen darin eine der größten Erfindungen der Geschichte, der wir mit Respekt begegnen. Zu Continental kam ich 2017. Einer der Beweggründe war die beispiellose Freiheit, die Techniker hier bei der Entwicklung und Umsetzung innovativer Ideen genießen. Diese besondere Arbeitsatmosphäre spornt uns an, immer weiter zu denken als nötig – so entstehen außergewöhnliche Lösungen. Und darum sind wir genau der richtige Partner für die Extreme E-Serie.

Continental: Wann haben Sie erfahren, dass Sie für die Entwicklung des Extreme E-Reifens verantwortlich sein werden? Und was waren die ersten Gedanken?

Anuj Jain: Das Projekt bedeutet mir sehr viel. Und ich bin dankbar für das Vertrauen, das man mir entgegenbringt und das nicht zuletzt am Timing deutlich wird. Normalerweise dauert es zwei bis drei Jahre, den perfekten Reifen für eine bestimmte Anwendung mit einer Reihe von Anforderungen zu entwickeln. Aber für die außergewöhnlichen Anforderungen der Extreme E-Serie ist perfekt nicht gut genug – und uns blieb nur halb so viel Zeit. Gerade in dieser doppelten Herausforderung lag der Reiz der Aufgabe. Also war ich sofort begeistert. 

Continental: Continental war bisher nicht unbedingt für intensives Motorsport-Engagement bekannt. Gleichzeitig handelt es sich bei der Extreme E um eine Rennserie, die mit dem ODYSSEY 21 auf eigens entwickelte Fahrzeuge setzt. Das klingt, als hätten Sie kaum auf Erfahrungen zurückgreifen können und mit der Arbeit buchstäblich bei Null beginnen müssen?

Anuj Jain: Naja, nicht ganz: Tatsächlich ist Continental schon seit geraumer Zeit im Off-Road-Geschäft präsent – unter anderem bei der nordamerikanischen Rennserie der „Speed Energy Formula Off-Road“, die 2013 vom Off-Road-Rennfahrer und ehemaligen IndyCar- und NASCAR-Fahrer Robby Gordon entwickelt wurde. Richtig ist allerdings, dass dies in Europa wenig bekannt ist. Für die Entwicklung des Extreme E-Reifens haben wir zunächst die maximale Leistungs- und Widerstandsfähigkeit bewährter High-Performance-Produkte analysiert und uns dann entschieden, den Continental CrossContact LX als Referenz für den weiteren Prozess zu verwenden. Die technische Herausforderung bestand anschließend darin, das Profil, die Seitenwand und die Konstruktion an die unterschiedlichen und sehr anspruchsvollen Terrains der Extreme E-Rennstrecken anzupassen.

Start

Continental: Der ODYSSEY 21 ist ein SUV mit E-Motor. In wie fern hatte die Art der Motorisierung Einfluss auf die Reifenentwicklung und wie unterscheidet sich der Reifen von einem, der für das gleiche Fahrzeug entwickelt worden wäre, wenn es von einem Verbrennungsmotor angetrieben würde?

Anuj Jain: Als wichtigster Erstausrüster in Europa und Entwicklungspartner nahezu aller namhaften Automobilhersteller arbeiten wir schon seit längerer Zeit an maßgeschneiderten Lösungen für die speziellen Anforderungen der E-Mobilität – unter anderem halten wir Erstausrüstungsfreigaben für Tesla und den Audi e-tron. Diese Erfahrungen waren natürlich hilfreich. Allerdings ist der ODYSSEY 21 vollkommen einzigartig: Seine 550 PS bei 1,8 Tonnen Leergewicht kontrolliert auf jedes Terrain der Erde zu übertragen, wird die Reifen bis aufs Äußerste belasten. Der für uns wesentliche Unterschied zwischen E-Antrieb und konventionellem Verbrennungsmotor liegt in der Energieeffizienz. Verbrenner weisen typischerweise eine viel geringere Energieeffizienz als Elektromotoren auf, wenn sie die eingehende Energie (also die chemische Energie, die im Kraftstoff in der Batterie enthalten ist) durch den Motor/die Maschine in mechanische Traktionsenergie umwandeln. Der Wirkungsgrad von Wärmemotoren ist auf ein theoretisches Maximum von etwa 60 Prozent begrenzt. Das ist viel niedriger als der typische Wirkungsgrad von Elektromotoren, für den es keine theoretische Grenze gibt. Kurz gesagt: Die Reifen werden durch das im ODYSSEY 21 erzeugte Drehmoment außerordentlichen Kräften ausgesetzt.

Continental: Die Extreme E fährt nicht auf herkömmlichen Rennstrecken, sondern ist eine Off-Road-Serie, die an außergewöhnlichen Orten mit sehr unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und sehr verschiedenen Bodenbeschaffenheiten ausgetragen wird: Strand beziehungsweise Küste, Regenwald, Wüste, Arktis. Wie haben Sie es geschafft, dass der Reifen unter all diesen – zum Teil wirklich extremen – Bedingungen ebenso sicher, leistungsfähig und zuverlässig funktioniert?

Anuj Jain: Es war eine anspruchsvolle Herausforderung, einen Reifen zu entwickeln, der als Allrounder nicht nur das Gelände, sondern auch das Fahrzeug in jeder erdenklichen Situation meistern kann – zumal sein Einsatzzweck nicht der normale Fahrbetrieb ist, sondern ein Rennen. Wir haben hier aber einen guten Kompromiss zwischen den verschiedenen Untergründen bzw. den lokalen Anforderungen sowie dem wichtigen Thema Nachhaltigkeit gefunden. Zum einen haben wir einen Reifen, der auf allen Gegebenheiten und Belägen überzeugt, anderseits wollten wir aber ein nachhaltiges Produkt für alle Anforderungen entwickeln. Eine One-fits-all Lösung.

Man sollte auch immer daran denken, dass hinter dem Steuer eines ODYSSEY 21 ein absoluter Profi sitzt, der nur ein Ziel verfolgt: Fahrzeug und Reifen bis an die Grenzen des Machbaren zu belasten, um schneller zu sein als die Konkurrenz. Vor diesem Hintergrund war uns von Anfang an bewusst, dass es nicht genügen würde, den Reifen einfach robust auszulegen – wir brauchten ein ultimatives Ultra-High-Performance-Produkt. Die Vielzahl der Details zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen. Aber ich hatte das Glück, über ein Spitzenteam aus unseren besten Ingenieuren, Konstrukteuren und Testfahrern zu verfügen. Anders wäre es nicht möglich gewesen, für diesen unkonventionellen Zweck einen der stärksten Reifen aller Zeiten zu entwickeln.


Continental: Und das in einer rekordverdächtigen Zeit…

Anuj Jain: Das ist richtig. Die Zeit war ebenfalls eine Herausforderung. Wir mussten jeden Schritt sehr vorausschauend planen. Vieles lief parallel, jedes Mitglied des Projektteams war noch mehr gefordert als üblich und die Anspannung permanent hoch. So arbeiteten wir uns Schicht für Schicht, Komponente für Komponente weiter vor, um schließlich den Reifen zu erhalten, den wir wollten und von dem wir überzeugt sind, dass seine Leistung unter den gegebenen Bedingungen optimal sein wird. 

Continental: Lassen Sie uns über das Ergebnis Ihrer Arbeit sprechen: Wie groß ist der Extreme E-Reifen? Wie breit? Warum ist das Profil so wie es ist? Bitte stellen Sie uns die einzelnen Baugruppen vor. Welche technischen Details sind besonders erwähnenswert?

Anuj Jain: Die metrische Reifengröße ist 37 X 12,5 R17 – also 37 Zoll Durchmesser, 12,5 Zoll Breite und 17 Zoll Felge. Das Profil wurde so optimiert, dass der Reifen auf jedem Terrain, das unser Planet zu bieten hat, optimale Leistungen bringt. Das Laufflächenmischung wurde speziell entwickelt. Das Profil verfügt über eine optimale Kombination aus Traktionsrippen und -taschen, um in jedem Gelände maximale Bodenhaftung zu erreichen. Die Profilblöcke sind mit zusätzlichen Elementen geringer Tiefe versehen und werden durch Stoßfänger für Geröll und große Steine verstärkt. Beides zusammen erhöht die Stabilität sowie Widerstandsfähigkeit des Reifens auch unter so unerbittlichen Bedingungen wie denen des Amazonas-Regenwaldes und der Sahara und ermöglicht dem Profil, eingefahrene Fremdkörper herauszustoßen. Hinzu kommt eine völlig neu gestaltete Außenschulter als robuste Schnittstelle zwischen Lauffläche und Seitenwand. Schließlich haben wir nach dem Profil auch den Gewebekern des Reifens verstärkt.


Continental: Haben Sie während der Entwicklung Erkenntnisse gewonnen, die Sie so nicht vermutet hätten, und glauben Sie, dass ihre künftige Arbeit davon profitieren wird?

Anuj Jain: Natürlich hilft uns ein so herausforderndes Projekt grundsätzlich dabei, die Fähigkeiten in der Reifenentwicklung zu verbessern. Das beschränkt sich übrigens nicht nur auf die neuen Erkenntnisse und Lösungen zur Steigerung der Produktperformance. Wir haben mit jedem neuen Entwicklungsschritt auch unsere Prozesse, unsere Organisation und unsere Teamarbeit optimiert – alles äußerst wichtige Erfolgsfaktoren bei Continental. Diese Erfahrungen können wir auch für künftige Projekte nutzen.

Continental: Abschließend noch eine persönliche Frage: Wie gespannt sind Sie auf den Start der ersten Etappe der Extreme E im Senegal und den Moment, wenn Sie ihr Produkt erstmals im tatsächlichen Renneinsatz sehen?

Anuj Jain: Ich kann den Start der ersten Saison im März 2021 kaum erwarten. Es wird sicher ein stolzer Moment für alle, die mit ihrer Kompetenz und äußerstem Engagement die Entwicklung des Reifens ermöglicht haben. Und ich bedanke mich bei allen Mitgliedern des Projektteams für ihre anhaltende Unterstützung. Die Extreme E wird zeigen, das Continental jederzeit in der Lage ist, selbst die außergewöhnlichsten Herausforderungen im Reifenbereich zu meistern.

Kontakt
Klaus Engelhart
Klaus Engelhart

Pressesprecher - Pkw-/Zweiradreifen D/A/CH
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