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Professor Richard Washington über Extreme E: „Ein paar Worte können schon viel bewirken“

 

Extreme E steht nicht nur für spannenden Rennsport, sondern auch für Innovation und Wissenschaft. Ein fünfköpfiges Wissenschaftskomitee arbeitet während der gesamten Rennserie an neuen Erkenntnissen und Legacy-Projekten vor Ort. Im Interview gewährte Professor Richard Washington einen Einblick in das aktuelle Vorgehen.

 

Richard Washington – seines Zeichens Klima-Wissenschaftler an der Oxford-Universität – brauchte nicht lange für eine Zusage, als er gefragt wurde, ob er Teil des Extreme-E-Wissenschaftskomitees werden wolle: „Ich brauchte ungefähr 20 Sekunden, um mich zu entscheiden“, erklärt Washington: „Es klang wie eine großartige Chance.“

Washington sieht in der Rennserie eine Gelegenheit,  mehr Menschen zu erreichen, um ihnen wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse mitzuteilen: „Ein großer Teil unserer tagtäglichen Arbeit besteht darin, wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben, die in Fachzeitschriften veröffentlicht werden. An etwas beteiligt zu sein, das so viel mehr Mainstream ist, wie Extreme E, gibt uns Wissenschaftlern die Plattform, von der wir träumen. Die Fahrer sind die besten Botschafter.“

Zudem interessiert sich Washington sehr für Motorsport: „In einem anderen Leben wäre ich Ingenieur geworden. Ich mag das Umfeld sehr. In diesem Sektor gibt es so viel Innovation. Und das ist genau das, was wir brauchen, um das Klimaproblem zu lösen. Wir müssen mit Menschen in Kontakt treten, die etwas bewirken.“

Zu diesem Zweck verfolgt das Team zwei Ansätze: Zum einen soll zu jedem Rennen ein wissenschaftliches Schlüsselthema präsentiert werden, dass dann einem großen Publikum bekannt gemacht werden soll.

Zudem betreut das Komitee die Legacy-Programme. Dabei handelt es sich um Projekte direkt vor Ort, die konkret ein Problem verbessern sollen – was genau passiert, variiert von Standort zu Standort.

Legacy-Programme: Von Bewaldung bis Bildungsinitiative

Das fünfköpfige Komitee besteht aus Experten verschiedenster Fachrichtungen. Washington selbst arbeitet an Klimamodellen und ist darüber hinaus Experte in Fragen zur Wüste. Dementsprechend war das erste Rennen der Season 2 in Saudi-Arabien im Grunde ein Heimspiel für den Professor: „Wir waren für vier sehr arbeitsreiche Tage dort“, erklärt Washington. Direkt nach Ankunft ging es in die Wüste, wo er unter anderem mit dem viermaligen Dakar-Sieger Nasser Al-Attiyah die Situation erfasste.

„Der Schwerpunkt lag auf der Bewaldung von Wüsten. Das klingt ein bisschen seltsam: Warum sollte man die Wüste grün machen?“, erklärt Washington: „Aber wenn man nur ein paar Jahrzehnte zurückgeht, gab es viel mehr Bäume, viel mehr Vegetation in der Wüste. Vieles davon wurde entfernt.“ Ein Problem für die lokale Tier- und Pflanzenwelt: „Sie wissen, wie es ist: An einem heißen Tag will man im Schatten eines Baumes sitzen, genau wie jedes andere Lebewesen. In der Wüste gibt es nicht viele Möglichkeiten. Und wenn man die entfernt, schafft man eine sehr lebensfeindliche Umgebung.“

Zudem arbeitet Extreme E an einem Legacy-Programm vor Ort, um die örtlichen Schildkröten vor Auswirkungen des Klimawandelns zu schützen: „Die Verbindung ist der Meeresspiegel. Der steigende Meeresspiegel macht den Schildkröten das Leben schwer, weil er die Strände zerstört, die dort seit Tausenden von Jahren liegen“, erklärt Washington.

Auch an den anderen exotischen Rennorten hat Extreme E Legacy-Projekte geschaffen, die langfristig zur Verbesserung der Situation beitragen sollen: „In einigen Fällen haben die Legacy-Programme scheinbar keinen unmittelbaren, quantifizierbaren, greifbaren Nutzen. Aber die Legacy-Programme sind eine Art Langstreckenlauf: Im Senegal zum Beispiel sollten eine Million Mangroven gepflanzt werden. Außerdem arbeiten wir mit NGOs und lokalen Organisationen zusammen, um das Projekt aufrechtzuerhalten“, erinnert sich Washingtion an Season 1.

 

In einigen Fällen würde sich aber auch unmittelbar etwas ändern: „Wie beim Bildungsprogramm für Grönland. Die Jugendlichen dort lernen etwas über den Klimawandel, die physikalischen Zusammenhänge und die Auswirkungen und was man dagegen tun kann“, erklärt Washington: „Ich halte das für ein wunderbares Programm, denn die Kinder sitzen an einem der wichtigsten Kipppunkte des Klimawandels, was das Grönlandeis betrifft.“

Als Locals wüssten die Menschen dort am besten, dass das Eis schmilzt: „Was sie nicht unbedingt wissen, ist, dass wir uns von einer langen Liste wichtiger Städte auf der ganzen Welt verabschieden müssten, wenn das ganze Eis schmelzen würde. Wichtige Hauptstädte, in einigen Fällen ganze Nationen und Staaten, Inseln, die einfach vom Meeresspiegel überflutet werden würden“, so Washington.

Überhaupt würde der Klimawandel aus Sicht Washingtons mittlerweile immer mehr extreme Phänomene verursachen – wie beispielsweise Waldbrände, von denen unter anderem der Rennort Sardinien betroffen ist: „Viele Jahre lang konzentrierten sich die Wissenschaftler auf die Veränderung der Durchschnittstemperatur. Wir haben uns nicht wirklich mit den Extremen befasst, weil man mit ihnen nur schwer arbeiten kann“, so Washington.  Aber: „Die Veränderungen bei den Extremen zeigt sich teilweise viel deutlicher, als bei dem Temperatur-Mittelwelt.“ Solche Ereignisse würden immer öfter vorkommen – selbst bei scheinbar kleinen Änderungen an der weltweiten Durchschnittstemperatur.

Für Washington bietet die Rennserie die Möglichkeit, direkt vor Ort und weltweit auf solche Probleme hinzuweisen: „Für Extreme E ist es wichtig, diese Botschaft zu verbreiten.“

Dabei will man den Zuschauern keine schwierigen, umfangreichen Dokumentationen aufzwingen – sondern einfach aufnehmbare, deutliche Informationen: „Es ist ein Schnipsel hier und ein Schnipsel dort während der Live-Übertragung, die die Leute sehen werden. Wenn man hier und da nur ein paar Worte hört, kann das schon viel bewirken.“

 

Ein Blick nach vorne

Bereits in Season 1 von Extreme E wurden spannende Erkenntnisse gesammelt, doch aufgrund der Pandemie ging nicht alles so leicht von der Hand, wie erhofft. So konnte auf dem Schiff beispielsweise nur eingeschränkt gearbeitet werden, weil Kollegen und Experten nicht wie erhofft nahtlos an Bord gehen konnten.  

Gleichzeitig liegt ein starker Fokus der Planung darauf, die Zielorte zu schützen: „Wir sind sehr vorsichtig bei der Instandhaltung der Gebiete, in denen wir arbeiten, und stellen sicher, dass wir nicht in zu empfindlichen Umgebungen arbeiten. Wir passen uns immer wieder an“, so Washington.

Das gelte auch für die Rennen an sich: „In Grönland zum Beispiel nahmen einige an, dass wir auf dem Eis fahren. Das taten wir aber nicht. Wir sind auf den Gletscherausläufern gefahren, weit weg von der empfindlichen Umgebung auf dem Eis.“

Nun arbeite man gerade daran, die Wissenschaftsabteilung auf dem Schiff zu überarbeiten und neue Systeme in den Gang zu kriegen: „Wir haben ein Rennen hinter uns und noch vier vor uns. Gerade arbeiten wir an den Programmen für die nächsten Rennen, auch auf Sardinien und in Südamerika“, so Washington: „Es ist sehr aufregend, denn das Rennen in Uruguay ist mit Energie verbunden: Wir arbeiten an verschiedenen Energieformen und der Umwandlung von Energie. Ich freue mich wirklich darauf, was wir in Uruguay erreichen können.“