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„Autonom sieht anders aus“

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05/03/2019
 

Er weiß, wie das Auto von morgen und übermorgen aussieht: Lutz Fügener ist Professor für Transportation Design und nahezu täglich mit dem Auto der Zukunft beschäftigt. Im Interview mit VisionZeroWorld erklärt er, warum autonome Autos wie Kartons aussehen könnten – und was „Vision Zero“ für das Fahrzeug-Design bedeuten wird.


Herr Professor Fügener, glaubt man der Industrie, werden wir bald in autonom fahrenden Autos unterwegs sein. Wie werden diese Autos der Zukunft aussehen?

Der große Wandel wird kommen, wenn die Autos einst tatsächlich vollautomatisch fahren, Fachleute nennen das den Level 5 des autonomen Fahrens. Da reden wir über vollkommen andere Fahrzeuge. Ein Fahrerarbeitsplatz beispielsweise wird dann nicht mehr gebraucht, die Rundumsicht ist nicht mehr zwingend nötig und anderes, was heute selbstverständlich ist, etwa Außenspiegel oder Pedale, ebenso. Das werden spannende Zeiten, denn ein vollautonomes Auto wird ganz anders aussehen.


Autonome Fahrzeugstudien wie Audi Aicon, Mercedes F015 oder VW Sedric sehen sehr glatt und unspezifisch aus, es sind im Prinzip einförmige Transportkapseln. Was ist los mit den Autodesignern?

Die Beobachtung ist richtig – und sie ist auch logisch. Wenn man ein Auto von der Nutzung her betrachtet, also von innen nach außen, dann kommt man am Ende immer auf einen Quader als bestmögliche Form, auf eine Art Kleinbus-Volumen. Die Frage ist, ob man von diesem Volumen wieder etwas abschneiden möchte, um dadurch eine Form zu erhalten, die wir gemeinhin als Auto kennen. Dafür kann es zwei Gründe geben: Der eine ist die Aerodynamik, wenn sich das Fahrzeug sehr schnell bewegen soll. Der andere ist die Vorstellung vom Auto als Prothese, als Fortführung der eigenen Körperlichkeit; ob es noch so wirken soll wie beispielsweise auch Kleidung wirkt, also modisch, schick oder exklusiv aussehen soll. Wenn dieser Effekt jedoch abgekoppelt ist, dann gibt es auch keinen Zwang mehr, Autos so aussehen zu lassen, wie wir sie bislang kennen.

Das Konzeptauto Audi Aicon. Der Ingolstädter Hersteller stellte diese vollautomatisch fahrende Studie auf der IAA in Frankfurt im Herbst 2017 vor.

 

Müssten Designer nicht gerade unter solchen Bedingungen Autos entwerfen, die sich voneinander unterscheiden und eine klare Markenidentität ausstrahlen?

Genau das ist Aufgabe. Und ich sehe das sehr positiv. Die Designer kommen gerade auf ein neues Spielfeld, auf dem sie neue Wege zu neuen Lösungen suchen können. Daran wird gearbeitet, und was man schon sagen kann, ist: Das wichtigste Kriterium, wie markant Autos künftig aussehen werden, ist die Frage, ob sie für den Privatbesitz gestaltet werden, oder für ein Sharing-Modell. Bei Privatautos wird die Ausstrahlung, der Visitenkarten-Effekt, auch in Zukunft noch eine Bedeutung haben.

 

Wie beeinflusst die Technik das künftige Design?

Die Technik beeinflusst das Design immer. Die wichtigste technische Entwicklung, die das kommende Design betrifft, ist die Elektromobilität. Warum? Weil sich das große, zentrierte Volumen um den Motor und die dazugehörigen Aggregate auflösen lässt. Das passiert ja auch schon. Einen noch größeren Einfluss werden wir jedoch erleben, wenn die Vision des unfallfreien Fahrens Wirklichkeit wird.

Eine kastenförmige Karosserie und eine möglichst freundliche Ausstrahlung – die autonom fahrenden Autos der Zukunft werden von innen nach außen designt. Das heißt: Es kommt vor allem darauf an, den Raum für die Insassen optimal zu gestalten.

 

Wie meinen Sie das?

Wenn sichergestellt ist, dass es keine Zusammenstöße von Fahrzeugen mehr gibt, können ein paar hundert Kilogramm an passiven Sicherheitsmaßnahmen aus den Autos herauskonstruiert werden. Fahrzeuge könnten kleiner und leichter werden. Wo heute noch dicke Crashzonen bestehen, könnten zum Beispiel transparente Bauteile eingesetzt werden. Da wäre dann sehr vieles Neues denkbar.

 

Eine „Vision Zero“ dient als Phantasiebeschleuniger für das Design?

Da bin ich mir sicher. Wenn das kollisionslose Fahren funktioniert, wären Autos ja auch nicht mehr zwangsweise an eine Fahrspur gebunden. Die Beleuchtung mittels Scheinwerfern, die heute exakt reglementiert ist, könnte völlig anders aussehen oder sogar ganz wegfallen. Sogar die Dimensionen der Fahrzeuge könnten sich, wenn der Verkehrsraum das hergibt, grundsätzlich ändern. Allerdings sind bis dahin noch eine ganze Menge Entwicklungsstufen nötig, da reden wir über eine fernere Zukunft.

 

Blicken wir auf die nächsten Jahre und in den Innenraum der Autos. Man hat den Eindruck, der Interieur wird sich durch die zunehmende Automatisierung stärker verändern als das Äußere. Sehen Sie das auch so?

Ein erstaunlicher Nebeneffekt der aktuellen Entwicklung ist, dass man jetzt die Mitfahrer im Pkw entdeckt hat. Die gab es zwar schon immer, und sie waren schon immer sozusagen vollautonom auf Level 5 unterwegs, aber außer einem Getränkehalter und vielleicht einem Monitor wurde ihnen nichts geboten. Das liegt auch daran, dass in der Regel der, der auf dem Fahrerplatz sitzt, das Auto bezahlt hat, weshalb sich die Autoindustrie um den auch besonders kümmert. Das allerdings ändert sich gerade.

Im Innenraum des Sedric herrscht eine modern-unterkühlte Lounge-Atmosphäre. Bedienelemente oder gar Lenkrad und Pedale gibt es nicht mehr.

 

Was bedeutet es, wenn jetzt auch die Fahrzeugpassagiere im Fokus stehen?

Um das zu verstehen, empfehle ich einen Blick auf den Flugverkehr. Kaum einer besitzt einen Airbus, aber sehr viele nutzen ihn. Und es geht ständig um die Frage, was der Passagier unbedingt braucht, was er erwartet und womit man ihn verwöhnen könnte. Denken Sie nur an die Klassenunterschiede im Flugzeug. Die Abstufung von Economy über Premium Economy, Business und First Class ist völlig selbstverständlich. Sie ist präzise abgestimmt, sie funktioniert und sie bringt Geld – ein Business-Sitz entspricht pro Jahr ungefähr einer Million Euro Umsatz. Aufs Auto übertragen bedeutet das: Solche Differenzierungen werden sich auch im Interieur herausbilden. Und dazu passend viele neue Geschäftsmodelle.

 

Wie könnten die aussehen?

Ich denke, es wird so ähnlich sein wie vor ein paar Jahren mit dem Smartphone. Erst hat man sich überlegt, ob man das überhaupt braucht. Und dann haben Tausende in aller Welt neue Nutzungsszenarien für das Smartphone erfunden. Auf einmal stellt sich nicht mehr die Frage ob man es braucht, sondern nur noch die Frage, auf welche Art und Weise man es benutzt. Genau das wird mit dem Auto auch passieren. Es wird für Dinge benutzt werden, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Und diese neuen Nutzungsmöglichkeiten werden wiederum das Auto verändern, natürlich auch gestalterisch.


Weil man als Passagier dann Dinge während der Fahrt erledigt, an die man heute noch gar nicht denkt?

Das ist das eine Szenario. Das andere ist, dass auch das Fahrzeug Dinge erledigt, an die man heute noch gar nicht denkt. Denn wir müssen ja davon ausgehen, dass sich die Autos auch ohne Fahrer und Mitfahrer bewegen können – und das werden sie tun. Die Durchschnittsbesetzung eines Autos wird von heute 1,3 bis 1,5 Menschen auf 0,9 sinken. Und machen wir uns keine Illusionen: Auch wenn es dann weniger Autos geben sollte, sie werden dafür ständig unterwegs sein, auf den Straßen dürfte es also kaum leerer werden. Es wird neue Geschäftsmodelle geben, bei denen Autos auch ohne Fahrer Geld verdienen. Sie werden beispielsweise Pakete hin und her fahren, als fahrende Cafés unterwegs sein oder als Unterkunft für Obdachlose genutzt werden. Und natürlich wird diese neue Nutzung das Design – vor allem innen – verändern.

Das autonome Mobilitätssystem BEE, das Continental zur IAA 2017 entwickelt hat. Das modulare System lässt sich mit einer Passagierkabine bestücken, oder aber – wie hier auf dem Foto – als Lastentransporter nutzen.

 

Es gab mal die Studie eines autonom fahrenden Autos mit einem Mini-Kräutergarten hinter der Windschutzscheibe. Gag oder gute Idee?

Ich glaube beides. Das Problem ist, dass der emotionale Anteil, den Autos bislang haben, in Zukunft zunehmend herausoperiert wird. Also versucht man, Dinge wie Fahrfreude und Fahrkultur zu ersetzen. Man darf nicht vergessen, dass mit den emotionalen Kriterien des Autos bislang der überwiegende Teil des Geldes verdient wird. Auf die reine, klassische Transportleistung des Automobils entfallen lediglich 35 bis 40 Prozent des Geldes, das wir dafür bezahlen. Der weit größere Teil wird für andere Dinge ausgegeben. Und dieser Teil scheint dem Auto künftig abhanden zu kommen. Und nun wird ausprobiert, wie sich das Geschäft auf andere Dinge übertragen lässt. Kräuter hinter der Windschutzscheibe könnten eine Idee sein. Den großen Hype jedoch erlebt gerade die so genannte User Experience, an der alle Autohersteller mit großem Aufwand forschen und entwickeln.

 

Für Continental haben Sie an dem Projekt BEE – Balanced Economy and Ecology Mobility Concept – mitgearbeitet. Es ging um ein autonom fahrendes Stadtfahrzeug. Was haben Sie dabei gelernt?

Das war ein sehr realistisches Projekt, denn die Technologie ist beinahe vollständig vorhanden. Also ging es darum, ein schon recht konkretes Konzept zu entwickeln. Das Entscheidende dabei war die sehr enge und offene Zusammenarbeit mit den Technikern, dabei haben alle Beteiligten eine Menge voneinander gelernt. Das wird sich in der Autoindustrie so ähnlich entwickeln. So wie heute jedenfalls, dass ein Entwicklungszentrum hier angesiedelt ist und ein Designzentrum ganz woanders, wird es nicht bleiben können.

 

Kommen wir nochmal zurück zum Thema „Vision Zero“: Wie würde ein unfallfreies Verkehrssystem die Innenräume der Autos verändern?

Autos werden in jedem Fall höher werden, weil sich die Insassen ja frei bewegen dürfen – also ähnlich wie heute schon im Flugzeug oder im ICE. Zudem würden die G-Kräfte wohl begrenzt werden, damit alle Insassen auf allen Plätzen in jeder Konfiguration sicher und problemlos sitzen können. Es geht also langsamer um die Kurve, aber dafür ist es im Auto sehr viel gemütlicher.

Lutz Fügener ist Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim. Hier bildet er kommende Generationen von Designern aus, die später weltweit in der Automobilindustrie arbeiten. Fügener wurde 1965 auf Usedom geboren, studierte Maschinenbau in Dresden und ist als Mitinhaber der Designfirma StudioFT unter anderem beteiligt an der Gestaltung von S-Bahnen und Bussen.

Foto: Knoblach

 

Herr Professor Fügener, worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie an die Zukunft des Autos denken?

 

Ich arbeite schon seit geraumer Zeit fast nur noch an Projekten, in denen es um automatisierte Fahrzeuge geht. Natürlich ist das interessant. Allein die Vorstellung, in Zukunft ganz nach Wunsch in ein Fahrzeug einzusteigen und sich dann um nichts mehr kümmern zu müssen, bis das Ziel erreicht ist – das begeistert mich. Diese Planbarkeit hat einen besonderen Reiz. Auf der anderen Seite werden wir auch etwas verlieren. Etwas, das manche Menschen mit Fahrfreude ausdrücken, andere mit Freiheit, wieder andere mit Dynamik. Aber wer weiß, vielleicht muss das Auto der Zukunft auch gar nicht mehr zwanghaft praktisch sein, sondern wird zum Spaßgerät, das man noch selbst steuern kann – so, wie das schon dem Motorrad passiert ist. Und für den alltäglichen Transport von A nach B nehmen wir eines der vielen selbstfahrenden Mobile.