Produkte für PKW / Van / 4x4

Cruisin’ down the highway…

Neuigkeiten

Print
 
11/10/2019
 

Das entspannte Cruisen auf der Autobahn bekommt eine neue Bedeutung: Continental entwickelt ein System zum Automatisierten Fahren, das mehr Sicherheit und Komfort verspricht. Oliver Fochler, System Lead Engineer Automated Driving bei Continental, erklärt die Vorteile des innovativen „Cruising Chauffeur“ Systems – und warum dafür eine Kamera im Innenraum nötig ist.

Oliver Fochler, Jahrgang 1981, System Lead Engineer in der Business-Unit ADAS (Automated Driving Systems) bei Continental. Der promovierte Physiker ist für die Entwicklung von Assistenzsystemen insbesondere auch zum Automatisierten Fahren verantwortlich. Sein aktuelles Projekt: der Cruising Chauffeur. Foto: Continental

 

Herr Fochler, Sie entwickeln für Continental den „Cruising Chauffeur“, ein System, mit dem Automatisiertes Fahren auf der Autobahn möglich ist. Erinnern Sie sich an Ihre Gefühle bei der ersten Testfahrt? Sie fahren auf der Autobahn – dann nehmen Sie plötzlich die Hände vom Lenkrad… Hatten Sie keine Hemmungen? Die Macht der Gewohnheit, selbst lenken zu wollen?

Hemmungen eigentlich nicht, immerhin habe ich das System ja mitentwickelt. (lacht) Und natürlich hatte ich vor der ersten Fahrt auf der Autobahn schon einige Kilometer auf unseren Testgeländen absolviert. Aber es stimmt. Wenn man auf einer belebten Autobahn plötzlich von der Computer-Stimme aufgefordert wird, die Hände vom Lenkrad zu nehmen, dann ist das schon ein ungewöhnlicher Moment, ein besonderes Gefühl. Wir fahren mit unseren Testfahrzeugen rund um Frankfurt, unter anderem auf der A5, ein stark frequentierter Verkehrsknotenpunkt. Eine echte Herausforderung für unser System. Das bedeutet auch, ich muss als Testfahrer hochkonzentriert sein, obwohl ich chauffiert werde. Das System ist ja noch in der Entwicklung.

Muss man denn als Verkehrsteilnehmer auf der A5 in Sorge sein, dass einen plötzlich ein fehlgeleitetes Testfahrzeug schneidet?

Überhaupt nicht! Unser System ist in vielen, vielen Testkilometern auf gesichertem Gelände für den Einsatz im realen Autobahnverkehr erprobt und abgesichert worden. Jetzt gilt es, als aufmerksamer Beifahrer – der allerdings auf dem Fahrersitz sitzt – die Funktionen in den verschiedensten Verkehrssituationen zu beurteilen und zu überprüfen. Wir sind hochkonzentriert bei der Sache und jederzeit bereit, sofort manuell einzugreifen. In dieser Kombination, Assistenzsystem plus aufmerksamer und speziell geschulter Testfahrer, sind unsere Fahrzeuge vermutlich sicherer unterwegs als die meisten anderen Verkehrsteilnehmer.

Überholen? Erledigt das Assistenzsystem Cruising Chauffeur von Continental, der Fahrer darf sich zurücklehnen. Foto: Continental

 

Was genau leistet der Cruising Chauffeur? Ist damit endlich möglich, wovon so viele Automotive-Manager beim Thema Automatisiertes Fahren schwärmen: Während der Fahrt E-Mails zu schreiben? 

Wenn das System aktiviert ist, kann ich mich durchaus zurücklehnen und mit anderen Dingen beschäftigen. Zum Beispiel eine E-Mail lesen oder schreiben. Wichtig ist aber: Der Cruising Chauffeur ist zunächst als System für den Einsatz auf Autobahnen gedacht, nicht für die Rushhour in der City einer Großstadt. Das Verkehrsgeschehen dort wäre noch zu komplex. Das System wird voraussichtlich innerhalb der nächsten fünf Jahre auf die Straße kommen. Auf der Autobahn kann der Cruising Chauffeur dann jegliche Fahraufgaben übernehmen. Er hat alle anderen Verkehrsteilnehmer im Blick, bewertet kritische Situationen und reagiert entsprechend, etwa wenn vor dem Fahrzeug plötzlich einer ausschert.

 

Wie funktioniert das System?

Die Grundidee ist eigentlich simpel: Man erfasst mit Sensoren die Fahrbahn und die anderen Verkehrsteilnehmer. Alle Daten werden zentral verarbeitet. Daraus werden Reaktionen und Manöver des Fahrzeugs abgeleitet. Im Detail ist das natürlich komplizierter. Zum Cruising Chauffeur gehören insgesamt ungefähr zwanzig Sensoren, darunter circa zehn Kameras, bis zu neun Radare und dazu Laser- und Lidarsensoren. Die generierte Datenmenge ist riesig. Kamerabilder müssen in Sekundenbruchteilen verarbeitet werden. Dafür ist eine sehr große Recheneinheit nötig, die diese Datenflut bewältigen kann und daraus in Echtzeit Entscheidungen ableitet. Die Fahrmanöver sind dann wieder vergleichsweise einfach: Beschleunigen, Lenken, Bremsen. Bei der Verarbeitung der Kameradaten kommen die neuesten Entwicklungen rund um neuronale Netzwerke und Künstliche Intelligenz zum Einsatz. Die Kamerabilder werden ja nicht nur aufgezeichnet, sondern auch interpretiert. Da geht es um die Semantik der Bilder. Das System muss erkennen und quasi verstehen, was es sieht.

Das System warnt den Fahrer rechtzeitig, wenn er das Lenkrad wieder übernehmen soll. Foto: Continental

 

Das Auto wird intelligent – hat es aber auch ein Verständnis, ein Empfinden für mögliche Gefahren? Der Mensch mit seinem automobilen Erfahrungsschatz hat immerhin die Fähigkeit der Intuition, der vorausschauenden Vermutung, dass gleich eine kritische Situation entstehen könnte.

Auf jeden Fall. Wer sich ein Fahrzeug mit Cruising Chauffeur kauft, muss sicher sein können, dass es alle kritischen Situationen beherrscht. Deshalb fahren wir ja so viele Testkilometer: Um letztlich alle denkbaren Eventualitäten des automobilen Alltags im System abbilden zu können. Die verlorene Ladung eines Anhängers oder Lkw. Der Unfall, der sich plötzlich genau vor mir entwickelt. Der Mensch, der am Seitenstreifen einen Reifen wechselt. Da gibt es viele Dinge, die vielleicht eher selten passieren. Das alles aber muss in unserem System berücksichtigt werden.

 

Eine Kamera überwacht den Fahrer. Worauf achtet die eigentlich, wenn doch der Computer lenkt?

Diese Kamera ist sehr wichtig. Sie registriert, ob der Fahrer in der Lage wäre, auf eine Übernahmeaufforderung zu reagieren. Stellen wir uns vor: Das Fahrzeug erkennt eine Situation, mit der es nicht mehr alleine zurechtkommen wird. Der Fahrer soll eingreifen. Mit einigen Sekunden Vorlauf wird eine Warnung aktiviert, dann muss der Fahrer die Verantwortung übernehmen können. Die Kamera soll einschätzen, wieviel Zeit er dazu benötigt. Schlafen zum Beispiel wird zunächst noch nicht erlaubt sein, E-Mails lesen beispielsweise über das Infotainment-System des Fahrzeugs aber schon. Diese Unterscheidung muss die Kamera und das dahinter liegende System treffen können. Registriert die Kamera, dass der Fahrer die Augen über einen längeren Zeitraum geschlossen hält, gibt es eine Warnung.

Testfahrer – hier Entwickler Oliver Fochler – sind speziell geschult für den Einsatz im realen Verkehr. Nach den Testfahrten müssen die gewonnenen Daten ausgelesen werden. Foto: Continental

 

Sind solche Kamerasysteme im Innenraum dem Kunden überhaupt vermittelbar? Will man sich ständig überwacht wissen von einem bildaufzeichnenden System?

Das sind natürlich Bedenken, die wir ernst nehmen. Zwei Aspekte sind hier wichtig: Zum einen gibt es schon heute Kameras in Fahrzeugen, die den Fahrer beobachten. Die Erfahrung zeigt: Das erhöht die Sicherheit. Bei Assistenzsystemen wie der Müdigkeitserkennung zum Beispiel, mit denen Sekundenschlafunfälle verhindert werden, ist eine Kamera unerlässlich. Außerdem möchte ich betonen, dass diese Bilddaten von unserem System nicht langfristig gespeichert werden. Es geht beim Cruising Chauffeur nur um eine momentane Auswertung, beispielsweise der Blickrichtung des Fahrers. Wenn man bedenkt, welches Plus an Sicherheit wir mit solchen Systemen erzielen können, finde ich persönlich den Aspekt der Kameraüberwachung nicht gravierend. Und noch einmal: Da sitzt ja niemand irgendwo am Monitor und schaut sich diese Kamerabilder an. Das gibt das System gar nicht her, dafür ist es nicht ausgelegt.

 

Mit welchen Situationen könnte der Cruising Chauffeur nicht zurechtkommen?

Ganz simpel zum Beispiel, wenn die Autobahn endet. Wir nennen das die Systemgrenze. Der Cruising Chauffeur ist – zumindest zu Beginn – nur für die Autobahn gedacht, weil der Verkehr dort weniger komplex ist als in der Stadt. Geht die Autobahn etwa in eine Landstraße über, ist diese Systemgrenze erreicht. Das Fahrzeug muss das erkennen und den Fahrer informieren: Achtung, hier endet mein Zuständigkeitsbereich.

Ein Bild, das schon in naher Zukunft Alltag werden könnte: Der Fahrer legt die Hände in den Schoß, während das Fahrzeug automatisch durch den Autobahnverkehr lenkt. Foto: Continental

 

Will denn der durchschnittliche Autofahrer sich überhaupt chauffieren lassen? Wenn man zum Beispiel die Debatten übers Tempolimit in Deutschland verfolgt, so scheint doch jeder Eingriff in die persönliche Freiheit des Autofahrers oft kritisch beurteilt zu werden.

Niemand wird gezwungen, mit dem Cruising Chauffeur zu fahren. Das ist eine optionale Funktion, die ein jeder, der auf ein großes Plus an Sicherheit und Komfort Wert legt, kaufen oder aktivieren kann. Unserer Erfahrung nach gibt es aber ein großes Interesse an Entlastung und Sicherheit. Mir selbst macht Autofahren auch Spaß, ich möchte mich auch nicht ständig durch den Tag chauffieren lassen. Aber es gibt viele Situationen, da würde ich das sehr begrüßen. Im zähfließenden Verkehr während der Rushhour zum Beispiel. Die Verkaufszahlen von Assistenzsystemen belegen diese Einschätzung. Immer mehr Fahrzeuge sind mit Radar- und Kamerasystemen ausgestattet, die für mehr Sicherheit und Komfort und somit weniger kritische Situationen sorgen. Die Kunden nehmen das an.


Macht der Cruising Chauffeur die Autobahnen denn sicherer?

Wir haben den Anspruch, dass der Cruising Chauffeur deutlich sicherer ist als der Mensch. Dass er viele kritische Situationen entschärfen hilft und ein Katalysator für weniger Unfälle auf den Autobahnen ist. Schon jetzt macht das System unsere Straßen sicherer – obwohl es noch gar nicht auf dem Markt ist. Denn die Erkenntnisse, die wir bei der Entwicklung gewinnen, können wir bereits heute nutzen, für aktuelle aktive Sicherheitssysteme. Auch dort kommen Kameras, Radar und die entsprechende Software zum Einsatz. Je mehr Erfahrungen hier einfließen, desto sicherer können solche Systeme sein. Der Cruising Chauffeur ist auf jeden Fall ein wichtiger Baustein für Continentals Vision Zero, einer Welt ohne Unfälle.

Automatisch über die Autobahn: Continental testet den Cruising Chauffeur auch auf Autobahnen rund um Frankfurt am Main. Foto: Continental

Wir verwenden Cookies, um Ihren Besuch auf unserer Website zu optimieren. Klicken Sie hier, um weitere Informationen zu erhalten oder um Ihre Cookies-Einstellungen zu ändern.