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Kreuzung denkt mit

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30/01/2020
 

Continental hat die Intelligente Kreuzung entwickelt: Radarsysteme und Kameras an zum Beispiel Ampeln kommunizieren mit Fahrzeugen und machen den Verkehr sicherer. Jad Haber, einer der verantwortlichen Projektmanager, erklärt die Vorteile der neuen Technologie.


Herr Haber, Continental hat eine sogenannte Intelligente Kreuzung entwickelt. Haben Ampeln jetzt einen IQ?

Im übertragenden Sinne kann man das sagen. Kreuzungen können mit einer Vielzahl von Continental-Sensoren wie Radaren und Kameras sowie Steuergeräten mit der entsprechenden Software ausgestattet werden. Es geht darum, alle Verkehrsteilnehmer in Echtzeit zu detektieren und in einem virtuellen Umfeld abzubilden. Das macht Kreuzungen künftig sicherer und ermöglicht ein deutlich effizienteres Verkehrsmanagement. Natürlich haben Kreuzungen dadurch keinen IQ im Sinne der menschlichen Intelligenz. Aber smart und insofern letztlich intelligent wird die Kreuzung durchaus. Sie kann gefährliche Situationen erkennen und entsprechend agieren, also den Verkehrsfluss so optimieren, dass Gefahrenpotenziale minimiert werden.

 

Die Intelligenz des Menschen reicht nicht aus, um Unfälle an Kreuzungen zu verhindern?

Menschen machen bewusst oder unbewusst Fehler: An einer roten Ampel die Straße überqueren, wenn vermutlich keine Autos kommen, oder bei Gelb beschleunigen anstatt zu bremsen. Menschen werden abgelenkt und manchmal sind sie nicht hundertprozentig mit der Aufmerksamkeit beim Verkehrsgeschehen. Oft haben diese Fehler keine Auswirkungen, aber manchmal können sie das Leben anderer gefährden. Das wollen wir bei Continental vermeidbar machen, indem wir innovative Lösungen und Kompetenzen aus dem Automobilbereich einsetzen. In bestimmten Situationen sind Fahrzeug-Lösungen durch Erweiterung um die Infrastruktur noch viel leistungsfähiger. Kameras und Radare in Automobilen können mitunter verdeckte Verkehrsteilnehmer erst sehr spät erkennen, etwa wenn ein Fahrzeug die Kreuzung in einer anderen Richtung durchquert. Deshalb wollen wir die Sichtweite des Fahrzeugs erweitern, indem wir unübersichtliche Stellen mittels intelligenter Infrastruktur sicherer machen.

Jad Haber ist Strategic Assistant in der Business Unit Passive Safety & Sensorics des Geschäftsfeldes Autonomous Mobility and Safety von Continental. Als einer der verantwortlichen Projektmanager hat er die Entwicklung der Intelligenten Kreuzung begleitet. Foto: Continental

 

Warum stehen gerade Kreuzungen so im Fokus der Unfallforschung – und natürlich der Unfallvermeidung?

Nach Ergebnissen unserer internen Unfallforschung haben wir festgestellt, dass die meisten Unfälle in der Stadt gerade in jenen Zonen stattfinden, in denen verschiedene Verkehrsteilnehmer, zum Beispiel Autos, Fahrradfahrer und Fußgänger, aus unterschiedlichen Richtungen aufeinandertreffen. Dazu gibt es kritische Situationen gerade dort, wo Fahrzeuge anhalten und wieder losfahren – und wo die Sichtlinie der Fahrer verdeckt ist. Kreuzungen erfüllen größtenteils alle drei Kriterien. Daher ist es besonders wichtig für unsere Vision Zero, eine Welt ohne Unfälle, vor allem auch Kreuzungen sicherer zu machen. Dafür müssen wir aus dem Fahrzeug heraus und eben auch die Infrastruktur in das Sicherheitsszenario integrieren. Verkehrssicherheit ist einer der wesentlichen Antriebe für viele unserer Innovationen.


In den USA passiert fast jeder dritte tödliche Verkehrsunfall an einer Kreuzung. Allgemein steigen in der westlichen Welt die Zahlen der Unfalltoten an Kreuzungen, wohingegen die absoluten Zahlen der Verkehrstoten zurückgehen. Wie ist das zu erklären? 

Weltweit gesehen steigen leider sogar die absoluten Zahlen der Verkehrstoten. Das liegt auch am immer größeren Verkehrsaufkommen in bevölkerungsreichen Ländern und aufstrebenden Mobilitätsmärkten wie zum Beispiel Indien. Zu den Opfern von Unfällen gehören verstärkt Zweiradfahrer und Fußgänger. Autos werden immer sicherer, was an deren Sicherheitssystemen und den hohen Sicherheitsstandards liegt. Die ungeschützten Verkehrsteilnehmer aber brauchen weiterhin und vermehrt unseren Schutz – die Intelligente Kreuzung ist dafür eine wichtige Technologie.

 

Was sind besonders typische kritische Verkehrssituationen an Kreuzungen?

Es kommt zum Beispiel häufig zu problematischen Bremsvorgängen. Ampeln wechseln das Signal, der eine will bei Gelb noch schnell beschleunigen, der andere bremst abrupt. Dadurch kommt es zu Auffahrunfällen, ein besonders häufig an Kreuzungen auftretendes Unfallszenario, wie eine aktuelle Studie aus den USA zeigt. Dazu gibt es eine Vielzahl von kritischen Situationen beim Abbiegen, etwa beim Linksabbiegen, bei dem der Fahrer den Gegenverkehr kreuzt und eventuell verdeckte Fahrzeuge zu spät erkennt. Oder beim Rechtsabbiegen, wenn sich zum Beispiel ein Fahrradfahrer oder Fußgänger im toten Winkel befindet oder durch andere Verkehrsteilnehmer verdeckt wird.

The Intelligent Intersection

Fahrzeug-zu-X-Kommunikationssysteme und Sensortechnologien verwandeln potenziell gefährliche Kreuzungen in intelligente und dadurch deutlich sicherere Verkehrsknotenpunkte zum Schutz von schwächeren Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern und Radfahrern. Foto: Continental

 

Wie genau implementieren Sie Intelligenz in die Infrastruktur einer Kreuzung?

Radare und Kameras werden an der Kreuzung auf vorhandenen Infrastruktureinheiten angebracht, also zum Beispiel an Ampeln. So lassen sich alle Verkehrsteilnehmer erkennen. Wobei „erkennen“ nicht heißt, dass bestimmte Personen identifiziert werden. Es geht vielmehr um den sogenannten Objekttyp: Handelt es sich also um einen Fußgänger, einen Fahrradfahrer, einen Pkw, einen Bus, oder etwas anderes? Und wo genau befindet sich das Objekt, in welche Richtung bewegt es sich? Dann werden die gesammelten Informationen von den verschiedenen Sensoren zusammengeführt, um eine virtuelle Abbildung der Kreuzung darzustellen. Durch diese Erkennung und eine Bewegungsanalyse in diesem Umfeldmodell kann die Kreuzungsintelligenz gefährliche Situationen vorhersehen und entsprechend Verkehrsteilnehmer warnen. Verschiedenste Funktionen werden eingesetzt, um den Verkehrsfluss zu verbessern und gleichzeitig Gefahren zu minimieren. So können etwa Kommunikationsnachrichten an Autos versendet werden, um vor einer Gefahr zu warnen.

 

Continental hat in verschiedenen Regionen der Welt sogenannte Smart City Mobility and Transportation Hubs eingerichtet, zum Beispiel in den USA und China, Deutschland soll folgen. Das bedeutet: Intelligente Kreuzungen im realen Alltagseinsatz. Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich davon?

Wir möchten durch die verschiedenen Pilotinstallationen in unterschiedlichen Regionen der Welt die Vorteile unserer Technologien aufzeigen und den Straßenverkehr sicherer machen. Wir haben über die Jahre ein großes Wissen in Sachen Sensorik und Konnektivität erlangt. Jetzt gehen wir damit hinaus aus dem Fahrzeug, hinein in die Verkehrsinfrastruktur. Die Sensoren, die zum Beispiel an der Intelligenten Kreuzung aufgebaut sind, sind Automotive-Sensoren. Sie erfüllen also auch die höchsten Sicherheitsstandards, arbeiten zuverlässig und praxiserprobt. So ein Sensor kommt eben nicht mehr nur im Auto zum Einsatz, sondern auch in mehreren Metern Höhe an einer Ampel oder Laterne, das ist ein Unterschied. Es geht darum, alle Technologien an die Bedürfnisse der Städte und der Verkehrsteilnehmer anpassen zu können.

Intelligent Intersection

Die intelligente Kreuzung unterstützt Autofahrer in unübersichtlichen Kreuzungssituationen, etwa um zu verhindern, dass sie beim Linksabbiegen frontal mit verdeckt näherkommendem Gegenverkehr kollidieren. Foto: Continental

 

Ist es nicht grundsätzlich ein ungewöhnlicher Schritt für ein Automotive-Unternehmen, nicht mehr nur Fahrzeuge mit Innovationen auszustatten, sondern auch Ampeln und Laternen?

Auf den ersten Blick mag das ungewöhnlich erscheinen, auf den zweiten aber ist es ein wichtiger, ein unumgänglicher Schritt. Wir wollen die Mobilität für alle Verkehrsteilnehmer sicherer und effizienter gestalten. Es sind ja nicht nur moderne Fahrzeuge mit digitalen Helfern, mit innovativen Assistenzsystemen unterwegs, sondern auch Fußgänger und Fahrradfahrer, die nicht untereinander vernetzt sind. Unser Anspruch ist es, dass sich alle Verkehrsteilnehmer gefahrlos durch die Städte bewegen können. Dafür müssen Infrastruktur und Fahrzeuge zu einem Sicherheitssystem fusionieren. Wir streben dabei einen ganzheitlichen Ansatz an.

 

Die Intelligenten Kreuzungen in den Pilot-Städten sollen auch gezielt mit autonom fahrenden Autos angesteuert werden. Ist das nicht ein noch weit entferntes Zukunftsszenario, das Sie damit abbilden?

Autonom fahrende Autos sind die Zukunft der Mobilität. Deshalb wollen wir sicherstellen, dass sie gefahrlos und effizient durch die Stadt fahren können, indem wir Unfallsituationen vorhersehen und vermeiden. Durch die Intelligente Kreuzung erhält das autonom fahrende Auto zusätzliche Daten und Informationen zum Verkehrsgeschehen. So sind autonome Fahrzeuge im Zusammenspiel mit einer intelligenten Infrastruktur ein weiterer wichtiger Schritt hin zu einer Welt ohne Unfälle, zu unserer Vision Zero.