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„Einem Auto ist nichts peinlich“

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23/05/2019

Jörg-Michael Sohn ist seit mehr als 30 Jahren Verkehrspsychologe. Er arbeitet in seiner Praxis in Hamburg vor allem mit Menschen, die ihren Führerschein verloren haben. Sohn ist zudem Experte für die psychologischen Aspekte neuer Mobilitätsentwicklungen – obwohl er selbst kein Auto besitzt. Den Führerschein machte er erst als 30-Jähriger, um sich besser in seine Klienten hineinversetzen zu können.

 

Verändert das autonome Fahren uns Menschen? Warum werden wir aggressiv bei freundlichen Sprachassistenten? Sollten Autos emotional reagieren können? Interview mit dem Verkehrspsychologen Jörg-Michael Sohn über die wahren Herausforderungen der automatisierten Mobilität.


Herr Sohn, moderne Autos sind mit immer mehr Sensoren, Steuergeräten, Computern ausgerüstet, die Funktionen des Fahrens übernehmen. Ist das für Sie als Verkehrspsychologe eine gute Nachricht? Immerhin werden Menschen dann immer weniger Fehler am Lenkrad machen…

Mein Eindruck ist eher, dass wir Menschen zwar derzeit bei vielen Routinefunktionen unterstützt werden, beim Einparken zum Beispiel, beim Tempohalten auf langen Autobahnfahrten, aber weniger in den wirklich kritischen Situationen. Ein Einparkassistent ist natürlich eine hilfreiche Funktion, aber in meiner Praxis habe ich eher selten mit Menschen zu tun, die wegen wiederholten Auffälligkeiten beim Einparken verkehrspsycholgische Unterstützung benötigen. Die Situationen, in denen Menschen Fehler mit gravierenden Folgen machen, sind andere. Das falsche Einschätzen der eigenen Geschwindigkeit, das Missachten von Verkehrsregeln allgemein, von roten Ampeln - und nicht zuletzt das Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer. Diese Situationen werden vorerst noch nicht von autonomen Systemen beherrscht.

 

Kameras und Sensoren ersetzen aber zunehmend das menschliche Auge, das Gehör. Solche technischen Helfer sind der Fehlerquelle Nr. 1 im Verkehr doch überlegen – dem Menschen.

Physikalisch ist das korrekt, eine Kamera oder ein Sensor ist dem menschlichen Auge oder dem Gehör überlegen in der physikalischen Empfindlichkeit. Kritisch wird es bei der Auswertung der Informationen: Was mache ich mit den Informationen? Wie bewerte ich sie? Was folgt daraus? Da sehe ich den Menschen noch immer als der Maschine überlegen. Der Mensch kann neuartige Schlussfolgerungen ziehen, Handlungen vornehmen, die nicht vorprogrammiert sind. Der Mensch funktioniert eben nicht auf Basis eines programmierten Algorithmus‘, er kann auch unvorhergesehene Parameter in seine Entscheidungen und Handlungen mit einbeziehen.

 

Wie meinen Sie das?

Nehmen wir als Beispiel die verschiedenen kulturellen Traditionen in Deutschland und Frankreich. In beiden Ländern wird traditionell sehr unterschiedlich mit Verkehrszeichen umgegangen. In Deutschland heißt eine rote Ampel: Stopp! Und die überwiegende Mehrheit der Verkehrsteilnehmer hält sich dran. Und wer nicht, der landet eventuell bei uns Verkehrspsychologen. In Frankreich hingegen heißt eine rote Ampel eher: Weiterfahren, aber vorsichtiger als bei Grün. Das bedeutet, der französische Fahrer verlässt sich nicht auf die formale Geltung des Regelsystem, er interpretiert bestimmte Symbole – die rote Ampel – anders als der deutsche Fahrer. Wichtig ist: Solche Interpretationen funktionieren, wenn sich alle einig sind. Die Menschen kennen, je nach Region, unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten bestimmter Regelwerke. Wenn ich in der Innenstadt von Hamburg ein Auto mit französischem Kennzeichen sehe, dann erwarte ich ein von der gewohnten Norm abweichendes Verhalten, und darauf stelle ich mich ein. Computer tun das bislang nicht. Das kann Unsicherheit schaffen, weil ich als Mensch das Verhalten eines Roboterautos zunächst einmal schlecht einschätzen kann. Und weil dessen Algorithmus mit regelwidrigem Verhalten anders umgeht als ein Mensch. Und dieser Mischbetrieb von menschlichen und automatisierten Fahrern wird uns noch länger begleiten.

 

Dennoch sind sich die meisten Experten einig, die Sicherheit auf den Straßen wird steigen. Die Reaktionszeit von Computern ist schneller als die von Menschen, ein Computer telefoniert nicht während der Fahrt mit dem Handy und streitet sich nicht mit dem Partner auf dem Beifahrersitz…

Das stimmt. Ich glaube auch, dass die Gefahr von gravierenden, von tödlichen Unfällen abnimmt mit einem höheren Grad an Automatisierung im Verkehr. Das will ich nicht bestreiten. Dennoch teile ich nicht die bedenkenlose Euphorie vieler Automobilmanager hinsichtlich des autonomen Fahrens. Neben allen Vorteilen, und die können 90 Prozent aller Szenarien ausmachen, gibt es eben auch das Feld der falschen Interpretationen computergesteuerter Systeme, diese restlichen zehn Prozent. Das erlebt man immer wieder. Vor einigen Wochen havarierte eine Fähre vor Norwegen, weil der Computer wegen eines niedrigen Ölstands automatisch die Motoren abschaltete, dadurch im hohen Wellengang aber fast eine Großkatastrophe auslöste. Hätte der Mensch, der Kapitän, die letzte Entscheidung gehabt, wäre er angesichts vieler kritischer Faktoren wohl mit dem Rest Öl zu einem Hafen gefahren. Ich kenne jetzt nicht alle Details des Vorfalls, aber es zeigt: Vorprogrammierte Handlungsmuster sind der realen Situation nicht immer angemessen.

Neues Mobilitätskonzept für mehr Sicherheit: Continental hat den fahrerlosen Shuttlebus CUbE entwickelt, der derzeit in verschiedenen Testzentren auf drei Kontinenten erprobt wird. Foto: Continental

 

Wenn wir irgendwann tatsächlich in vollautonomen Autos fahren, dann wandert die Verantwortung fürs Fahren vom Menschen zur Maschine. Macht das Ihren Berufsstand obsolet? Oder müssen Verkehrspsychologen künftig Informatiker sein?

Na, ich hoffe nicht, dass ich künftig Bordcomputer psychologisch beraten muss… Im Ernst, das Problem sehe ich eher darin, dass ich als Mensch mangels Erfahrung schwer einschätzen kann, wie ein vom Computer gesteuertes Fahrzeug reagiert. Steuert ein Mensch, kann ich das als Mensch besser beurteilen, kann bestimmte Verhaltensweisen prognostizieren und wiederum mein Verhalten darauf abstimmen. Das hat viel mit Erfahrungen zu tun, mit der menschlichen Konditionierung. Wird das Auto, das mir entgegenkommt, aber von Bosch oder Continental gesteuert, weiß ich nicht, was passieren wird. Ich kann das, in Anführungsstrichen, Verhalten der zentralen Steuereinheit nicht wirklich einschätzen. Die Vorhersagbarkeit von Verhalten ist aber eine entscheidende Qualität im Verkehr. Ich will davon ausgehen, dass der andere sich an bestimmte Regeln hält und nach bestimmten Schemata handelt. Das ist nicht mehr gegeben, wenn Maschinen in einem eigentlich von Menschen dominierten Gesamtgefüge die Entscheidungshoheit erhalten. Denn die treffen Entscheidungen nach Kriterien, die ich als Mensch nicht immer nachvollziehen, geschweige denn vorhersehen kann.

 

Der Mensch gibt Verantwortung ab und wird passiv. Werden wir zu einer von Robotern dominierten Gesellschaft, in der wir nur noch reaktiv unterwegs sind und uns im Auto mit unseren Smartphone-Spielen beschäftigen dürfen?

Die Gefahr besteht. Es gibt ein schönes Zitat von der deutsch-amerikanischen Philosophin Hannah Ahrendt. Sie sagte sinngemäß, dass Menschen offenbar in der Lage seien Dinge herzustellen, die sie dann gedanklich nicht mehr nachvollziehen könnten. Wir geben also einen Teil unserer Autonomie an Maschinen ab, die wir zuvor hergestellt haben. Und deren Entscheidungsmuster können wir dann, wenn wir nicht gerade zu den Programmierern gehören, nicht mehr verstehen. Das ist schon ein Einfluss auf unsere eigentlich humanistische Gesellschaft, über den man sich jenseits allen Zugewinns an Sicherheit auch Gedanken machen sollte.

 

Es gibt diesen Begriff des Human-Machine-Interfaces, der Mensch-Maschine Schnittstelle. Es geht darum, wie aus Mensch und Auto eine funktionierende Einheit wird, in der der Mensch von seiner immer clevereren Maschine nicht überfordert wird. Was sagen Sie als Psychologe dazu?

Ich sehe da einen vermögenden Manager vor seiner S-Klasse knien und flehen: Auto, ich bin es doch, bitte öffne die Türen… Ich meine, es muss darum gehen, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Wie mache ich das aber mit einem System, das mir in vielerlei Hinsicht überlegen ist, dem aber auch ich in vielen anderen Bereichen überlegen bin? Interessante Frage. Man kennt das ja, dass man mit seinem Navigationssystem redet. Dass man immer genervter wird, wenn das System mich nicht verstehen will. Wenn ein Sprachassistent auf einfachste Fragen dumm reagiert. Ab einem bestimmten Grad an Komplexität der Maschine fangen wir an, wie mit einem menschlichen Gegenüber zu kommunizieren. In Japan gibt es Pflegeroboter in Altersheimen, die werden von den Bewohnern als quasi-menschliche Gegenüber akzeptiert. Das ist psychologisch sehr interessant.

Autonomes Fahren wird mehr Sicherheit bringen – allerdings wird es Zeit brauche, bis sich die Menschen an das neue Mobilitätsprinzip gewöhnt haben, glaubt Verkehrspsychologe Sohn. Foto: Continental

 

Sollte man eine Funktion in kommende Generationen von Automobilen integrieren, durch die das Fahrzeug den Fahrer loben kann? Ihn mal liebevoll in die Wange kneift?

Tatsächlich wäre es zu überlegen, ob eine emotionale Anreicherung der Interaktion nicht sinnvoll wäre. Es macht einen Unterschied, ob das Fahrzeug mit nüchterner Stimme sagt „Dort vorne kommt Ihnen in 250 Metern Entfernung ein Auto entgegen“, oder eben mit emotionalem Nachdruck „Vorsicht! Da kommt einer von vorne!“ Es geht beim Kommunizieren ja nicht nur um den Austausch von Informationen, sondern auch um Emotionen als Teil der vermittelten Information. Ich habe mal von einer Studie gehört, in der der Vorschlag auftauchte, dem Fahrer seinen emotionalen Zustand zurückzumelden. Aus meiner Sicht wäre es wirksamer, auf dem Dach eines jeden Fahrzeugs eine Lampe anzubringen, die den emotionalen Zustand des Fahrers den anderen Verkehrsteilnehmern anzeigt, grün für entspannt, rot für aggressiv. Das könnte in der Interaktion mit anderen Fahrzeugen helfen. Ich will damit sagen: Zur Interpretation eines Verhaltens gehört nicht nur die Analyse der Aktion, sondern auch die Kenntnis der Motivlage dahinter. Und wir neigen eben auch dazu, unsere Maschine verstehen zu wollen. Eine gewisse emotionale Intelligenz wäre also durchaus eine interessante Idee.

 

Heute treibt uns aber schon oft das Navigationsgerät oder der Sprachassistent, mit dem mittlerweile viele neue Fahrzeuge ausgerüstet sind, zur Weißglut.

Es ist ein Missverhältnis. Dass eine hochintelligente Maschine eben auf einfachste Fragen mitunter keine Antwort weiß. Das kennen wir auch aus dem Wohnumfeld mit Sprachassistenten. Die können Dir, je nach Setting, alle Weltmeister und Fußballergebnisse herunterbeten und das Wetter in Bahrein in fünf Tagen vorhersagen, aber bei einer falschen Befehlsformulierung ohne das benötigte Schlüsselwort flüchten sich die Systeme in banale, allerdings immer freundlich formulierte, Floskeln. Da gibt es noch deutlich Optimierungsbedarf, möchte ich mal sagen. Dahinter steht natürlich auch: Ein elektronisches sSystem hat kein Bewusstsein von sich selbst. Einem Auto ist nichts peinlich, es ist nicht in der Lage über sich zu reflektieren und sein Verhalten entsprechend anzupassen. Ein Auto hat auch keine Empathie, der Bordcomputer kann sich nicht in den Menschen hineinversetzen. Das kann wiederum den Menschen ganz schön aggressiv machen.